• Wer vom Rausch schreiben will, muss stocknüchtern sein - ein Biergespräch mit Thomas Kapielski und Husen Ciawi

Kultur : Wer vom Rausch schreiben will, muss stocknüchtern sein - ein Biergespräch mit Thomas Kapielski und Husen Ciawi

Herr Kapielski[Sie haben zum Interview in den "Bl]

Thomas Kapielski und Husen Ciawi, 49 und 39, gehören zu den bekanntesten Vertretern der (West-)Berliner Literatur-Boheme. Für seine Bücher "Davor kommt noch" und "Danach war schon" wurde Kapielski als "Vollender des Künstlerromans" (Die Zeit) gefeiert. Er ist Träger des Ben-Witter-Preises und Kunstprofessor in Braunschweig. Husen Ciawi veröffentlichte zuletzt den Band "Leck mich am Text". Am Donnerstag lesen sie im Salon Gansebohm im Podewil, 20 Uhr. Das Gespräch führte Christian Schröder.

Herr Kapielski, Sie haben zum Interview in den "Blauen Affen" gebeten, eine Neuköllner Bierschwemme, in der schon mittags das Schultheiss in Strömen fließt. Was macht für Sie den Charme dieses Ortes aus?

KAPIELSKI: Ich habe jahrelang in der Nähe des Hermannplatzes gewohnt, seither fühle ich eine Verbundenheit mit diesem Lokal. Normalerweise sind Schultheiss-Lokale kleine Eckkneipen, in denen sich alle umgucken, wenn man reinkommt. Aber der "Blaue Engel" ist eine große Halle, hier kann man gut sitzen, Zeitung lesen, für sich sein unter Leuten. Ich stehe immer schon früh auf, schreibe, dann mache ich mittags die erste Pause und gönne mir gerne ein Bier.

In Ihrem letzten Buch "Davor war schon" schreiben Sie, im "Blauen Affen" könne man den Weltschmerz in "Halbliter-Monstranzen" wegtrinken. Ist Alkohol für Sie eine Stimulanz beim Schreiben?

KAPIELSKI: Nein. Ich schreibe stocknüchtern. Trinken und Schreiben geht nicht zusammen. Bei mir jedenfalls nicht. Ich saufe auch längst nicht so viel, wie ich in meinen Büchern schreibe. Aber ich bin so sozialisiert, dass man ab und zu raus muss und sich in die Öffentlichkeit begibt. Dann setze ich mich in eine Gaststätte, hänge meinen Gedanken nach, kriege gute Ideen. Ich bin jemand, der sehr unter Langeweile leidet, wenn er nicht schreibt. Die Kneipe ist eine Lösung für dieses Problem.

Herr Ciawi, Sie sind einerseits Autor, andererseits auch Inhaber der Bar "Mister Hu" an der Goltzstraße in Schöneberg. Spielt Alkohol bei Ihrer Literatur eine Rolle?

CIAWI: Nein. Wenn ich schreibe, trinke ich nichts. Aber beim Trinken kommen einem manchmal Einfälle, die man nüchtern nicht hätte und von denen man später beim Schreiben dann wieder profitiert.

Was für Ideen?

CIAWI: Das ist ein Geheimnis, das wir nicht verraten.

KAPIELSKI: Das Marbacher Literaturarchiv hat einen Band über die Trinkgewohnheiten von Schriftstellern herausgegeben, der heißt "Stimulanzien oder Wie sich zum Schreiben bringen?". Es gab viele große Schriftsteller, die sich beim Schreiben haben antreiben lassen vom Alkohol, von Joseph Roth bis Charles Bukowski. Aber viele Journalisten machen den Fehler, dass sie von seinen Geschichten auf den Autor schließen. Ich bin nicht der Säufer, von dem meine Bücher handeln.

Gibt es eine Affinität der Literatur zum Alkohol?

CIAWI: Die ist nicht enger als bei anderen Berufen auch. Ich habe mal einen Gast, der schon am Nachmittag in meiner Bar begann, harte Sachen zu trinken, gefragt, warum er das tut. Er hat geantwortet: "Um den Abend abzukürzen". Man schlägt mit Alkohol die Zeit tot, das ist alles.

Sie stammen aus einer chinesischen Familie, sind in Indonesien aufgewachsen und leben seit 1982 in Berlin. Deutsch nennen sie Ihre "Stiefmuttersprache". Ist Schreiben für Sie auch ein Versuch, Heimat in der Sprache zu finden?

CIAWI: Eigentlich habe ich keine Muttersprache. Ich bin in Indonesien groß geworden, aber zuhause haben wir uns in einem chinesischen Dialekt unterhalten. In der Schule habe ich am Anfang Chinesisch gelernt, dann wurde das aus politischen Gründen verboten und ich bekam Indonesisch-Unterricht. Später war ich in Amerika und habe Englisch gelernt. Mit Deutsch habe ich mich dann am Intensivsten beschäftigt. Zuhause bin ich in keiner Sprache. Die Bilder in meinem Kopf und die deutsche Grammatik passen nicht zusammen, deshalb breche ich in meinen Texten die Regeln und erschaffe sozusagen meine eigene Sprache.

KAPIELSKI: Das Interessante an den Texten von Husen ist, dass sie von außen auf die deutsche Sprache gucken. Da wird man etymologisch ganz anders wach, ständig fragt man sich, was Worte eigentlich bedeuten. Die Sprache, die heute allgemein verwendet wird, ist furchtbar unreflektiert. Die Leute, die ständig sagen "Ich denke" oder "Ich habe angedacht", denken schon gar nicht mehr. Die Sprache verkommt. Es gibt einen Verlust, vor allem einen Verlust an Verben. Dabei sind gerade die Verben ein Schatz dieser Sprache. Wie viele Verben es allein gibt, um Gehen zu beschreiben: hüpfen, hopsen, springen, schreiten, wanken, wackeln und so weiter. Ich habe ein absolutes Liebesverhältnis zu dieser Sprache.

Ihre Geschichten wirken trotzdem drauflosgeschrieben.

KAPIELSKI: Das ist ein großer Irrtum. Das Herumfeilen an der Sprache macht mir am meisten Spaß beim Schreiben. Wenn der Grundriss der Geschichte steht, fange ich an auszubauen, Worte auszutauschen, altmodische oder slanghafte Redewendungen einzuführen. Bei der modernen Kunst kann man sagen, ich male jetzt nicht mehr, ich kleckse das so hin. Beim Schreiben geht das nicht, da muß man ganz genau nach dem passenden Wort suchen. Wie ein Zeichner, der etwas abbilden möchte.

Herr Ciawi, was ist für Sie das Spezifische an der deutschen Sprache?

CIAWI: Ihre Genauigkeit und ihr Hintersinn. Für das englische Wort "reality" gibt es zum Beispiel zwei Übersetzungen: Realität und Wirklichkeit. Es gibt eine Realität, aber das ist noch nicht die Wirklichkeit. Es gibt überall Angeln und Haken in dieser Sprache, eine Doppelschichtigkeit. Beschreiben allein reicht nicht, man muss auch etwas damit sagen. Vielleicht ist das die deutsche Tiefgründigkeit. Wenn man in Indonesien gefragt wird "Hast du ein Auto", sagt man stolz: "Ja, da steht mein Mercedes". In Deutschland heißt es dann: "Ja, warum?" Man hat sofort Hintergedanken: Will der etwa mein Auto ausleihen?

Herr Kapielski, Ihren ersten Ruhm haben Sie nicht als Autor, sondern als bildender Künstler geerntet. Dabei bezeichnen Sie das "Nichtmalenkönnen" Sie als Ihre "vorzüglichste Könnerschaft". Sind Sie ein Dilettant?

KAPIELSKI: Mit dem "Nichtmalenkönnen" habe ich mehr die derzeitige Kunstszenerie charakterisiert. Das ist etwas, was ich verachte. Die Leute, die der Moderne den Weg geebnet haben, haben ihre Technik noch beherrscht. Dieter Roth war ein hervorragender Druckgraphiker, Duchamp konnte zeichnen. Aber ihre Nachfolger klacksen heute nur noch so rum. Ich selber kann nicht zeichnen, habe mich aber auch nie richtig als Künstler gefühlt, sondern bin in die Szene eher hineingeraten. Ich habe konzeptionell gearbeitet, bin in den achtziger Jahren als fröhlicher Dilettant zu Werke gegangen, als das ein neuer Ansatz war. Als die Kunst anfing, mich zu langweilen, habe ich die Sparte gewechselt und zu schreiben begonnen, anstatt die Menge der gemalten Bilder um weitere Merkwürdigkeiten zu erweitern. Aber als Autor bin ich alles andere als ein Dilettant: Da stimmt jedes Komma.

Als Sie im letzten Jahr beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt gelesen haben, hatten die Juroren Lachtränen in den Augen. Ihre Geschichte fiel trotzdem durch. Haben Sie keine Angst zum Pausenclown des Literaturbetriebs zu werden?

KAPIELSKI: Die Gefahr besteht. Deshalb baue ich in meine Texte Sicherungen ein dagegen.

Was sind das für Sicherungen?

KAPIELSKI: Passagen in meinen Texten, die das Bild vom angeblichen Humoristen Kapielski erschüttern. Theologische Exkurse, harter Sozialrelismus. Das wird dann aber gerne ausgeblendet. Die FAZ hat meinen Text aus Klagenfurt abgedruckt, aber die Passage weggelassen, in der ich schildere, wie ich in Kreuzberg von einer türkischen Gang zusammengeschlagen werde.

Die ersten vier Biere des Tages sind weggezischt. Wie gehts jetzt weiter?

KAPIELSKI: Nicht mit Alkohol, wie Sie jetzt sicher denken. Ich werde mit meinem achtjärigen Sohn Simon Compuerspiele spielen: Lara Croft, eine echte Droge.

CIAWI: Ich muss noch ein paar Besorgungen machen. Und dann werde ich schreiben.

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