Kultur : Wer wäscht mir das Blut?

Jan Faktor kämpft in seinem Roman „Schornstein“ gegen die Kassenärztliche Vereinigung

Ulrike Baureithel

Was einen erwartet, verraten schon die ersten Seiten. In der Säuferrunde vor einer ehemaligen Kaufhalle in Berlin-Pankow sitzt ein Typ auf einer Bank, ganz seriös in Anzug und mit Köfferchen, und „kotzt ruhig vor sich hin“, nicht etwa „stoßartig und eruptiv“, sondern seine „Magensuppe“ fließt „in einem gleichmäßigen Strom heraus, fast geräuschlos“. Dass der Mann dennoch nicht zusammenklappt, wird zum Leitmotiv: Was auch immer auf den nächsten 280 Romanseiten passiert: Nur nicht zusammenbrechen heißt die Parole. Und Schornstein, Werbetexter im Haupt- und Dichter im Nebenberuf, muss einiges aushalten. Nicht anders als sein 1951 in Prag geborener und 1978 nach Ostberlin gekommener Schöpfer Jan Faktor, der sich mit ihm trotz der um zehn Jahre entlasteten Biografie unverkennbar ein Alter Ego erfunden hat.

Gerade hat er einen Herzinfarkt hinter sich, als ihm seine Krankenkasse mitteilt, die für seine seltene Stoffwechselkrankheit notwendige Therapie – eine Form der Blutwäsche – nicht weiter bezahlen zu wollen. Dieser im Wissenschaftsdeutsch „Orphan Disease“ genannte Luxus, den sich Schornstein mit seinem Schöpfer leistet, ist nun zu teuer für ein Land, von dem beide bislang dachten, es sei „das Beste“, weil es „Leute wie sie bei Gesundheit hält“.

Für Schornstein beginnt ein kafkaesk anmutender Feldzug gegen die Kassenärztliche Vereinigung (KV), von deren Existenz er bis dahin gar nichts wusste. Er sammelt alles Wissenswerte über seine Krankheit, dringt in das Gestrüpp der Entscheidungsfindungen ein, führt Gespräche mit Funktionären, ermittelt verdeckt, sucht Bündnispartner und gründet sogar eine Selbsthilfegruppe. Gleichzeitig sucht er nach Mäzenen, die seine Blutwäsche bezahlen, immerhin 2401,12 Mark pro Sitzung. Schornstein agiert wie besessen: Seine Datenberge blähen sich auf wie die Staubmäuse unterm Wohnzimmersofa, er kann von nichts anderem mehr sprechen, vernachlässigt den Job, wird krank, erleidet einen Hörsturz. Trotz aller Bemühungen gelangt er an entscheidende Informationen nur durch Indiskretion, und am Ende muss er erkennen, dass „ihm die Feinde abhanden gekommen sind“.

All dies ereignet sich in einer Umgebung sukzessiven Verfalls. Durchs marode Dach suppt der Regen, die Hausgemeinschaft, in der Schornstein und Frau Anne leben, wird drangsaliert von einem gewissen Kabrow („Ein-Mann-Hausbürgerwehr und Sittenwächter“) und dem Geruchsterror von Frau Schwan, die bei ewig offener Türe ihren künstlichen Darmausgang über dem Küchenwaschbecken zu reinigen pflegt.

Mit sichtlichem Genuss beschäftigt sich der Ich-Erzähler in seinem Roman „Schornstein“, dessen Manuskript im vergangenen Jahr mit dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet wurde, mit Frau Schwans Messie-Syndrom, bewegt sich mit der verkommenen Trinkergemeinde auf abschüssiger Bahn oder berichtet kaltblütig von der eines Tages durchs Fenster entsorgten Notdurft.

Ist all dies für sich schon geeignet, Nerven und Vorstellungskraft zu strapazieren, wird die die Ekelschwelle überschritten, als Schornstein im sterilen Milieu einer Arztpraxis seine Blutorgien zelebriert. Da fließt nicht mehr grüne Kotze, sondern rotes Blut „in ruhigem Strom Richtung Fußboden“, unfähige „Stechspezialisten“ verursachen „riesige Venenbeulen“, die ebenso zu platzen drohen wie die Harnblase des malträtierten Patienten. Dass das „blutende Schwein“ am Ende doch überlebt, ist nur einem funktionslosen Schraubstock im heimischen Arbeitszimmer zu verdanken, in den Schornstein seine übel zugerichteten Arme klemmt.

Natürlich würde selbst ein so hartgesottener Zeitgenosse wie Schornstein die Malaise nicht überstehen, wäre da nicht Anne, die geduldig, gelegentlich auch enerviert, die Notbremse zieht. Genau genommen ist Schornstein nämlich ein ziemlich wehleidiger Bursche, ein Nervenbündel, das Frau und Freunde, Ärzte und sogar einen Psychiater in Atem hält, dabei das Gehabe des Dr. Brakwart ebenso überheblich entlarvend wie die Unfähigkeit seines Rechtsanwalts. Immerhin bringt der Nervenarzt den unwilligen Patienten, für den seine jüdische Herkunft bislang „keine besondere Rolle spielte“, auf die Spur der Vergangenheit. „Die vielen Lagerinsassen um mich herum“, räumt Schornstein irgendwann ein, „also meine Familie, mussten mir einiges übergestülpt haben.“

Was sich der Autor bei der Gratwanderung zwischen Biografie und Fiktion bis dahin mit viel sarkastischem Aufwand vom Leib gehalten hat, die „Gaskammer“ von Frau Schwan und die Krankheit, die Schornstein in eine „jüdische Moorleiche“ verwandelt – rückt nun an die bislang ironisch sedierte Schmerzgrenze. Je deutlicher die Rauchzeichen aus Theresienstadt und Auschwitz aufsteigen, desto kälteempfindlicher wird Schornstein und desto mehr zerfällt das witzig gebändigte Erzählkonstrukt in seine Bestandteile. Übertrieben ernsthaft doziert Schornstein dann plötzlich über seinen Werbejob, unter dem sanften Zynismus lauert die Larmoyanz.

Vielleicht liegt das auch daran, dass dieser Kohlhaas am Ende im Kassendschungel stecken bleibt und es überhaupt ein gewagtes Unternehmen ist, derart biografische Untiefen öffentlich auszuloten. Jan Faktor, der nach lyrischen Übungen in den achtziger Jahren mit „Schornstein“ sein Romandebüt vorlegt, hat auf Abgeklärtheit verzichtet und bei aller Betroffenheit auf spöttischen Übermut gesetzt. Verglichen mit dem, was die Gesellschaft den Menschen an ihren Rändern zumutet, ist das, womit Faktor seine Leser traktiert, geradezu menschenfreundlich. Der Gesundheitsministerin sei dieser Roman empfohlen: In Schornsteins schmuddeligem Umfeld ist mehr über Gesundheitspolitik zu erfahren als in gepflegten Diskussionsrunden.

Jan Faktor: Schornstein. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2006. 283 S., 19,90 €.

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