Kultur : Wer, wie, was?

Die Theatergruppe Turbo Pascal mit einer Interaktivperformance in der Schaubühne

Christine Wahl

Der Abend beginnt mit einer schriftlichen Aufforderung: „Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger“, steht auf weitläufig im Zuschauerraum verteilten Zetteln, „nehmt euch aus der Kiste, die auf eurem Tisch steht, einen Stift, einen Pfeil, ein gefaltetes DIN-A4-Blatt und einen Block von gelben Klebezetteln.“ Dass eine Performance, hier im „Ikea“-Jargon, mit dem gemeinsamen Auspacken von Bastelutensilien beginnt, ist nichts Ungewöhnliches in der freien Theaterszene. Sondern ein untrügliches Zeichen dafür, dass wir uns ins angesagte „interaktive Format“ eingekauft haben. Theaterbesucher schufen unter diesem Label bereits ein beträchtliches Heimwerker-Arsenal, vom gemeinen Strohstern bis zur anspruchsvollen japanischen Faltmaus.

Das Novum des Bastelabends „Wir werden wieder wer gewesen sein“, den das aus dem Hildesheimer Studiengang „Kulturwissenschaften und Ästhetische Praxis“ hervorgegangene Theaterkollektiv Turbo Pascal jetzt im Schaubühnen-Studio zeigt, besteht nun darin, sozusagen im Kleinformat an seiner eigenen staatsbürgerlichen Identität herumzukritzeln und herumzukleben. Die Zuschauer sitzen an langen Tafeln und werden von den vier Performern anderthalb Stunden lang mit Aufgaben betraut, die durchaus beabsichtigt und schwer semi-ironisch mehr was von einem Pädagogikkurs für innovative Lehrmethoden haben.

Manchmal sieht es aber auch einfach nur nach Kindergeburtstag aus. Zum Beispiel, wenn die „Arbeitsgruppe“ am Nachbartisch – denn das Fundament modernen Lernens wie auch zeitgemäßer Demokratieausübung besteht bekanntlich in der „Gruppenarbeit“ – eine Krone basteln muss. Die Aufträge werden dann dramaturgisch weiterverarbeitet – Aufträge wie mit dem roten Bleistift auf dem gelben Klebezettel den Satzanfang „Ich werde...“ zu ergänzen, Fragen aus dem Einbürgerungstest zu beantworten oder aufzuschreiben, wie ein selbst gewählter Ort in Deutschland in fünfzehn Jahren aussehen mag.

Sinn und Zweck des Ganzen: Die Theaterbesucher sollen an diesem Abend quasi eine mehr oder weniger repräsentative Zufallsgemeinschaft bilden. Diese Idee hatte allerdings die Gruppe Rimini Protokoll mit dem Abend „100 Prozent Berlin“ im HAU bereits klüger und konsequenter durchgespielt. Bei Turbo Pascal soll man in den berüchtigt trüben Spiegel schauen und sich als manipulierbares, ideenloses, utopiearmes, visionäres, linkes, rechtes oder ruckwilliges Gesellschaftsmitglied erfahren. Die Schaubühne rekurriert mit diesem Projekt noch einmal unverbindlich auf ihre missglückte Uraufführungswerkstatt „Deutschlandsaga“, die theoretisch Historie und Gegenwart des Landes durchleuchten wollte, praktisch aber meist nur wie schlecht gegoogelt wirkte.

Der interessanteste Aspekt an solchen Simulationsspielabenden wie „Wir werden wieder wer gewesen sein“, die einen in ihrer überschaubaren Dramaturgie selten mit neuen Selbsterkenntnissen überraschen, besteht immerhin darin, dass man das eine oder andere wissenswerte Detail über seine Mitmenschen erfährt. Am Kneipentisch hätte man dafür länger gebraucht. So gibt es in dem Saal mit über hundert Theaterbesuchern nur eine einzige Person, die mehr als 2 500 Euro netto im Monat verdient. Es handelt sich um die Theaterpädagogin der Schaubühne.

Schließlich kulminiert die demokratische Bastelstunde in der Aufgabe, sich zu fünft über eine Inkompetenz zu verständigen, die alle Gruppenmitglieder teilen. Der Rest der Zuschauer entscheidet dann jeweils per Abstimmung, ob diese Inkompetenz – im Angebot etwa: Ökonomie, Geologie, moderne Musikstile – für die Zukunft des Landes verzichtbar ist oder nicht. Wenn ja, darf die Gruppe sitzen bleiben; andernfalls wird sie ausgemustert und auf die Tribüne verbannt. Am Ende hat sich ein großer Teil quasi ganz basisdemokratisch selbst aus dem Abend herausgewählt und muss zusehen, wie der kleine elitäre Rest mit Freisekt anstoßen darf. Die Kritikerin trinkt ohne schlechtes Gewissen und tiefere Erkenntnis.

Bis 27.9., 20 Uhr

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