Kultur : Wer will was von wem?

NORBERT SERVOS

Piet Rogies Tanzstück "Naast" in den Berliner SophiensälenVON NORBERT SERVOSEin Stück über die Ratlosigkeit der Annäherung.Piet Rogie, gebürtiger Belgier mit Wohnsitz in den Niederlanden, erzählt in dem Duett "Naast" über die Flüchtigkeit der Berührung, über eine Verhaltenheit vor wirklicher Nähe, die sich offenbar nicht überwinden läßt.Ein Mann (Rogie) und eine Frau (Johanna Laber) begegnen sich in einem kargen Raum.Wo die Musik von Franz Schubert auftrumpfen will, verweigert sich die Choreographie beständig dem schönen Fluß.Rogie unterläuft die romantische Schwärmerei und zitiert sie doch gelegentlich - halb ironisch, halb ernst.Nüchtern beginnt dieses Paar, mit an die Hüften gelegten Händen.Mit abgezirkelten Bewegungen beschreiben die beiden Orte, beschreiten den Raum.Ein Spiel von unentschlossener Werbung und flüchtiger Hingabe beginnt. Meist sind die Arme gehalten wie im klassischen Tanz oder werden spitz abgewinkelt.Akkurat werden wieder und wieder die Beinpositionen exerziert.Für Momente scheinen Mann und Frau sich zum Gesellschaftstanz zu finden, einem Tango vielleicht.Leicht und rasch gibt sie sich in seine Hebungen, fliegt einen Augenblick lang.Doch schnell mündet die Leichtigkeit in akrobatische Schwerarbeit, einen gehaltenen Handstand etwa dreht der kurze Flug auf den Boden nieder.Nichts mag sich da aufschwingen.Piet Rogie, der Tänzer-Choreograph, bleibt in dieser zeitgenössischen Untersuchung über die Zweisamkeit skeptisch und kaum verführbar von den leidenschaftlichen Gefühlsfahrten der Musik. Der Grundton von "Naast" ist das Warten, eine Ratlosigkeit, die vielleicht bloß der Unentschlossenheit entspringt.Nie weiß man, ob Mann und Frau denn wirklich etwas voneinander wollen und was schwerer wiegt: die Verhaltenheit voreinander oder doch eine Art von gemeinsamem Traum.Wie unbeteiligt kommen und gehen sie, setzen zu immer neuen Variationen ihres strengen und nüchternen Bewegungsmaterials an.Wenn sie denn doch einander umschlingen, wirkt es stets wie ein verzweifeltes Anklammern - aber ohne jede Dramatik. Fast hat man den Eindruck, dem Paar in "Naast" sei schlichtweg jedes Wollen abhanden gekommen.Hilflos geht der Blick ins Publikum, kraftlos sinken die Arme.Gegen Ende können sich die beiden nur noch rückwärts, blind tastend berühren.Nichts geht mehr.Das letzte Bild zeigt beide mit dem Rücken zum Publikum auf ihren Stühlen sitzend.Nur die Arme schreiben noch eine Melodie in den Raum: die Sehnsucht, gefangen in einer schönen Etikette. So konsequent Rogie die musikalische Motivik aufgreift und variiert, so sehr läuft er doch Gefahr, sich in Formalismen zu verlieren.Daß sie nichts mehr wollen (können), läßt Mann und Frau allmählich aus der Spannung driften.Wo kein Wille mehr sich gegen die Verlorenheit stemmt, fehlt der Gegenpol, aus dem sich ein dramaturgischer Funke schlagen ließe.Was bleibt, ist der Rückzug in die formale Variante.Unschwer erkennt man bei Rogie den Hintergrund der niederländischen Tanztradition.Aber wo früher noch der Tanz frei schwingend in den Raum ausgriff, regiert nun ein zögerliches Stocken und Stutzen.Mag sein, die Zeiten sind ratloser geworden.Aber wer hätte nicht doch seine klammheimlichen Glücksgelüste und setzte nicht, einmal geweckt, alles daran, daß sie nur wirklich würden?

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