Kultur : Wer zuletzt heult

Saisonstart am Maxim-Gorki-Theater mit Alexander Ostrowskijs „Wölfe und Schafe“

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Von Günther Grack

Leuchtend in flammendem Rot, so rückt im Hintergrund des Anwesens der Meropia Mursawezkaja eine Masse Mensch an, begleitet von heulendem Sturmwind. Droht die Revolution? Sind die braven Schäfchen der Gutsbesitzerin drauf und dran, sich in reißende Wölfe zu verwandeln? Es ist ein warnendes Signal, das Volker Hesse, Intendant des Maxim-Gorki-Theaters in Berlin, an den Beginn seiner Inszenierung von Alexander Ostrowskijs Komödie „Wölfe und Schafe“ setzt. Die Bauern und Handwerker, denen die verarmte Adlige Geld für ihre Arbeit schuldet, erscheinen hier nicht als Individuen, sondern als anonyme Menge – als rote Gefahr.

Über die Situation, in der sich Russland 1875, im Jahr der Uraufführung des Stücks, befand, deutet die Regie damit in eine damals unbekannte Zukunft hinaus. Die Gesellschaftskritik, die Ostrowskij in seiner Milieustudie aus der Provinz übt, versteht sich nicht als Aufruf zu gewaltsamer Veränderung, sie mokiert sich vielmehr komisch-satirisch über die moralischen Schwächen von Oben und von Unten. Schwächen, die sich freilich im Überlebenskampf in Stärken verkehren können, wenn nämlich die Unmoral skrupellos mit Intelligenz einhergeht. Auch nachdem im Russland des Zaren Alexander II. die Leibeigenschaft aufgehoben ist und der Landadel diese Macht über sein Gesinde verloren hat, bleibt doch die Weisheit gültig: Homo homini lupus - der Mensch ist des Menschen Wolf. Schafsdämlichkeit hat das Nachsehen.

Das Alpha-Tier in Ostrowskijs menschlichem Bestiarium ist weiblichen Geschlechts, jene Meropia Mursawezkaja, ein altes Fräulein, das seine Raubtiernatur unter dem Schafspelz geheuchelter Frömmigkeit verbirgt. Die Mursawezkaja will ihr marodes Landgut sanieren, indem sie sich ein Nachbargut unter den Nagel reißt: Ihr Neffe Apollon, ein Glücksspieler und Trunkenbold, soll dessen verwitwete junge Besitzerin heiraten. Aber wie das Einverständnis der Kupawina in diese Ehe erzwingen? Die Mursawezkaja wedelt mit einem Lügengespinst: Ihr verstorbener Bruder habe seinerzeit den seligen Kupawin um ein Darlehen zur Gründung einer Fabrik gebeten, es sei ihm auch zugesagt, dann aber nicht ausgezahlt worden. Dass ihr Neffe jetzt nicht Fabrikbesitzer, sondern ein armer Hund sei, habe also Kupawin zu verantworten - eine Schuld, die seine Witwe gefälligst zu begleichen habe, durch ihre Unterschrift auf einem 50000-Rubel-Scheck – oder auf einem Trauschein.

Die Intrige der bigotten Alten bildet den harten Kern der Komödie. Doch nicht nur die Kupawina, das hübsche Schaf, soll eingefangen werden. Auch ein fetter Hammel soll dieses Schicksal erleiden: Lynjajew, ein wohlbestallter älterer Junggeselle, reizt eine arme Verwandte der Mursawezkaja, das junge Mädchen Glafira, dazu, ihre Fänge nach ihm auszustrecken. Na schön, soll ihr der Coup gelingen! Was aber den Schnösel Apollon angeht, da sei Gott vor, ehe er Ehemann wird – oder wenigstens ein tüchtiger irdischer Amor: Berkutow, ein Gutsbesitzer, der vom Plan zum Bau einer Eisenbahn erfahren hat, das große Geschäft für die Eigentümer des betroffenen Bodens wittert und dem Apollon die Kupawina wegschnappt. Berkutow als neues Alpha-Tier der Wölfe - wer zuletzt heult, heult am besten.

Ausmalung des Milieus, Ausleuchtung des zeitgeschichtlichen Hintergrunds: Volker Hesses Inszenierung hält sich damit nicht lange auf, wirft vielmehr grelle Blitzlichter auf den Zusammenprall der Temperamente. Ursula Werner als Mursawezkaja, eine Matrone im grauen Glockenrock, das pomadisierte Haar straff gescheitelt, zeigt, ihren Neffen beutelnd, die Kräfte eines Freistilringers, ruht dagegen wie ein Ölgötze in sich, wenn sie dem gefährlichen Berkutow gegenüber die Frömmlerin hervorkehrt. Michael Lucke steht in dieser Rolle fest auf heimatlicher Erde, die er ohne Rücksicht auf nostalgische Gefühle, ein Vorläufer des Unternehmers Lopachin in Tschechows „Kirschgarten“, dem Fortschritt der neuen Zeit zu opfern bereit ist; kühl langt er nach der Besitzerin jenes Waldes, durch den die Eisenbahn führen soll: Jacqueline Macaulays Kupawina, eine Dame von naiver Anmut. Durchaus nicht naiv dagegen, wie energisch Anna Kubins junge Glafira ihre Reize spielen lässt, um Marcus Mislins verdutzten Hagestolz Lynjajew herumzukriegen. Monika Lennartz ist, spitznasig aus der Wäsche guckend, ein verwirrtes altes Tantchen, das sich gleichwohl so trocken wie treffend zu äußern weiß und sogar Gefallen daran findet, wenn der Neffe der Mursawezkaja sich betrunken an ihr vergreift. Fabian Krüger macht aus diesem Apollon, akrobatisch virtuos, einen wild gewordenen Hampelmann, der am Ende, als die Wölfe seinen Hund gerissen haben, zum Erbarmen greint: „Mein Hund, der hat drei Beine . . .“

Wieder am 20., 23. und 28. September

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