Kultur : Wer zuletzt lacht, ist schon tot

HELGA STÖHR-STRAUCH

So was kann schon mal vorkommen: "Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot." Muß man deshalb gleich einen Roman darüber schreiben? Sibylle Berg aus Berlin hat es getan: Heraus kam eine ätzende Ansammlung morbid-süffisanter Zustandsbeschreibungen und intellektueller Platitüden; mundgerecht geformt und bisweilen geeignet, sogar in Stein gemeißelt zu werden. Wer mag schon widersprechen, wenn es heißt "Es liegt am Denken, da wird immer alles gleich so kompliziert . . ."?Pünktlich zum Sommerloch gibt es den Kult-Roman als Kult-Stück an einer Kult-Bühne: der Stuttgarter "Rampe", die vor 15 Jahren von Regula Gerber gegründet wurde und ihren einstigen Studententheaterstatus längst mit dem eines hochkarätigen Autorentheaters vertauscht hat. Seit dem Wechsel der Intendantin an die Städtischen Bühnen Bielefeld im vergangenen Jahr lenken Eva Hosemann und Stephan Bruckmeier die Geschicke des ambitionierten Kleintheaters. Am Konzept hat sich nichts geändert. Man wundert sich zuweilen nur, wieviel Ehre die beiden Theaterleute ihren mitunter schwachen Autoren zukommen lassen.Dem Bestseller "Ein paar Leute . . ." der 1962 geborenen Romanautorin und Journalistin Berg hätte jedenfalls nichts Besseres passieren können, als gerade jetzt in gerade diesem Theater in Eva Hosemanns Regie uraufgeführt zu werden. Die Bühnenfassung von Stephan Bruckmeier unterscheidet sich gewaltig von der Romanvorlage. So erwarten uns statt eines wilden Schlaglichtgewitters eine seriöse Rahmenhandlung und eine Reihe feinkonturierter Beziehungskisten. Die Figuren, die im Roman recht zusammenhanglos vor sich hin wursteln, stehen im Stück in klaren Beziehungen zueinander.Da ist Vera. Ihre Ehe mit Helge ist zerbrochen; sie selbst grübelt über ihr verpfuschtes Leben nach, aus dem ihre magersüchtige Tochter Nora entfloh. Veras Mutter Ruth darbt indessen im Altersheim, während ihre Freundin Bettina die gähnende Langeweile ihres Journalistinnenlebens mit Liebesaffären zu vertreiben sucht. Zu diesem Zweck müssen auch Noras Freund Tom und Ruths blutjunger Geliebter Pit herhalten.Dummerweise sind sie alle tot. Tastend, als müßten sie sich mit diesem Zustand erst noch abfinden, bewegen sie sich in einem geschlossenen und mit einer überdimensionalen Theke versehenen Raum (Bühnenbild: Stephan Bruckmeier), der zahlreiche Assoziationen zuläßt: ein unterirdischer Kanalschacht, eine überschwemmte Nachtbar, der Hafen von Venedig?Mit zugekniffenen Augen tappen die Gestalten durch milimeterhohes Wasser. Erst allmählich merken sie, daß sie nicht allein sind. Eine geschlossene Gesellschaft hinter verschlossenen Türen. Da gibt es keine Erlösung, kein Entkommen. Diese Qual kann ewig weitergehen. Und doch ziehen alle so autistisch wie im Leben ihre immer gleichen Bahnen um sich selbst; streiten sich, schlagen und lieben einander.Die Verbandelung aller wird zur immerwährenden Hölle, zur Strafe für ein Leben, das selbstverständlich keiner zu verantworten hat - Eva Hosemann wirft in ihrer spannenden Inszenierung einen Blick in menschliche Abgründe, um nichts als Banalität, Frustration und Haß zu entdecken. Dabei entblößt sie die Figuren zu keinem Zeitpunkt, sondern läßt sie, nicht zuletzt durch den bewußt gesetzten Sprachgestus, sogar ein bißchen tragisch erscheinen.Die Schauspieler leisten Beachtliches: Allen voran Dominik Glaubitz als Tom, Vera Teltz als magersüchtige Nora und Johanna Niedermüller als sexbesessene Bettina - arme Seelen, die in einer Welt gefangen sind, die sich in nichts von der unterscheidet, aus der sie durch Selbstmord, Mord oder tödliche Zufälle verschieden sind. Nur eines bleibt unklar: der Stücktitel. Wer lacht? Warum? Und wann? Das Premierenpublikum hielt sich jedenfalls zurück. Und das bei so viel Kult? Auch so was kann schon mal vorkommen.

Stuttgart, Theater Rampe, weitere Vorstellungen 20. bis 24. Juli, 14. bis 18. sowie 21. bis 24. September; im August Sommerpause.

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