Kultur : Wer zuletzt lacht

NADJA KLINGER

Im Rückblick verläuft Geschichte so, als wäre sie stets einer Bedeutung gefolgt.Als Peter Ensikat beispielsweise Mitte der 70er Jahre in ein altes, heruntergekommenes Zweifamilienhaus am Orankesee in Hohenschönhausen zog, erzählten die Handwerker, die bei ihm reparierten, was sie in den anderen Häusern in der Umgebung gesehen hatten: noble Möbel, Armaturen aus dem Westen, an den Türen statt Namen nur die Worte Obergeschoß und Untergeschoß.In einer Villa stehe in jedem Zimmer nur Tisch und Telefon, berichteten sie, eine andere sei eine Schaltzentrale.Peter Ensikat wußte also, daß rundherum Leute von der Stasi wohnten.Nun gut.Wenn sein Auto einmal nicht ansprang, kamen sie mit Ratschlägen.An großen sozialistischen Feiertagen gar in Uniform.Dann sahen sie aus wie Zirkusdirektoren, und Ensikat mußte lachen.Ansonsten hatte er mit ihnen nichts zu tun.

Selbst als 1990 sein Telefon kaputt war und die Monteure an der Leitung ein Relais fanden, das ein Fremder schon rauszureißen versucht hatte, wurde es ihm nicht unbehaglich.Eine Spezialfirma bot sich an, für 300 DM die Wanzen zu suchen, aber da Ensikat kein Westgeld hatte, lehnte er ab."Bei uns zu Hause wurde nur über Theater und Kabarett gesprochen", amüsierte er sich.

Der Kabarettist durfte auf der Bühne keine Namen nennen.Um die Zensur zu umgehen, mußte er auf das Wesen der Sache zu sprechen kommen.Das Wesen der Stasi war die Angst, die die Menschen vor ihr hatten.Da Peter Ensikat sich nicht fürchtete, meinte er, die Sache hätte sich für ihn erledigt.

Als er 1990 zur Berliner "Distel" kam, konnte er dort endlich Kabarett ohne Zensur machen.Das schien die Arbeit zu vereinfachen.In Wirklichkeit jedoch hat es die Themen versimpelt.Die Stasi beispielsweise war jetzt Gauck."Kabarett ist Stammtisch", sagt Peter Ensikat."Die Leute hören sowieso nur, was sie hören wollen." Und obwohl er das Bedürfnis hatte, sich endlich von der Allgemeinheit abzuheben, hat ihn der Kompromiß mit der Abendkasse auf dem Teppich gehalten."Es ist so kränkend, mitzureden über das, worüber alle am meisten lachen", sagt er.Was haben sie auf dem Gauck rumgehackt.Bis Ostern.Da war Stasi plötzlich Oechelhäuser.Und Oechelhäuser war die "Distel".Und die "Distel" war Ensikat, in dessen Haus immer noch die Wanzen sind."Die senden nicht mehr", sagt er.Aber die Allgegenwärtigkeit der Stasi bedrückt ihn jetzt viel mehr als einst.

Seit über 20 Jahren sind der Autor Peter Ensikat und Gisela Oechelhäuser, Intendantin der "Distel", befreundet.Sie sind beide Gesellschafter in ihrem Theater, haben so viel miteinander geredet, daß eigentlich kein Thema ausgelassen werden konnte.Und wenn sie sich nicht sahen, dann riefen sie sich gegenseitig an, zwanglos.Bis zu jenem Tag vor Ostern, da Gisela Oechelhäuser folgenden Satz ins Telefon sprach: "Meine IM-Akte ist aufgetaucht." Ensikat war geschockt.Am Rande der Verzweiflung rang er um einen klaren Kopf."Solange es keine schriftliche Erklärung gibt, ist für mich nichts gewesen", sagte er."Eine Erklärung aber würde alles ändern", fügte er hinzu.

Wenn die Seele zu heftigen Reaktionen drängt, kommt der Verstand nicht mehr mit.Er versucht sich noch an ein paar zweifelhaften Erklärungen, mahnt zur gewohnten Gelassenheit, jedoch vergeblich.Es vergeht nicht viel Zeit, dann macht der Verstand einfach Pause.Vielleicht um das zu verhindern, begann Peter Ensikat, nachdem er den Hörer aufgelegt hatte, zu arbeiten.Er schrieb ein Kindergedicht.Zeile für Zeile reimte er sich vorwärts, weg von dem Telefongespräch, bis er am Ende der Seite war.Bald würde "Gigi" wieder anrufen."Und der Mensch kann so vieles gar nicht verstehen", beendete Peter Ensikat sein Gedicht."Ich sitze jetzt gerade vor meiner schriftlichen Erklärung", sagte Gesela Oechelhäuser am nächsten Morgen am anderen Ende der Leitung."Bist Du heute Abend spielfähig?" Weiter konnte Peter Ensikat nicht mehr denken.Gisela Oechelhäuse wohl auch nicht."Selbstverständlich", antwortete sie.Dann haben sie aufgelegt.

Gespielt hat sie, als sei nichts gewesen.Dann haben er und sie sich verständigt, daß das Ensemble so schnell wie möglich informiert werden müsse.Also hat Gisela Oechelhäuser alle zusammengerufen und einen von ihr verfaßten Brief verlesen.Peter Ensikat stand dabei und sah seinen Kollegen an, was er selbst bereits seit Tagen durchmachte."Laßt uns die Diskussion auf Morgen verschieben", bat er.Man ging nach Hause und als man wiederkam, war die Intendantin bereits zurückgetreten.Zwar wog die Angelegenheit dadurch nicht weniger, doch merkwürdigerweise spürten alle Erleichterung."Sie hat dem Ensemble die Entscheidung abgenommen", sagt Ensikat.

Die "Distel" hat zwei Tage eine Auszeit genommen und das Theater geschlossen.Man hat in einer Hau-Ruck-Aktion die Rolle der ehemaligen Intendantin mit der Schauspielerin Sabine Selle besetzt.Und weil das Ensemble einen starken Willen hat, gab es am Donnerstag sogar eine neue Premiere: "Wir sind ein starkes Stück".Doch all das, wofür er nicht sein inneres Notstromaggregat, sondern eine Idee braucht, will Peter Ensikat nicht mehr gelingen.Soll er die Plakate am Haus, wo die Leute Gisela Oechelhäusers Gesicht beschmiert haben, sofort hereinholen? Soll er in den zahllosen Interviews, die er als amtierender "Distel"-Chef gibt, sagen, daß nur einem kleinen Teilchen der "Distel" jetzt etwas vorzuwerfen ist? Soll er zwischen seiner Arbeit und der von Gisela Oechelhäuser differenzieren? Oder soll er vielleicht auch zurücktreten?

Um eine Idee zu haben, müßte Peter Ensikat erst einmal wissen, was überhaupt passiert ist.Verrat? "Nein, das Wort ist falsch", sagt er, "mich hat sie ja gar nicht verraten." Doch immer, wenn er einen Satz ausgesprochen hat, fällt ihm ein nächster ein.Und der paßt irgendwie nicht dzu: "Da wir beide immer über alles gesprochen haben, hätte das unbedingt dazugehören müssen." Ensikat verzieht das Gesicht, als quälten die Vorwürfe zugleich ihn am meisten."Wahrscheinlich ist es so, wenn man den Moment verpaßt hat, die Wahrheit zu sagen, dann baut man sich was auf ..." überlegt er."Aber es gab doch so viele Momente, wo sie es hätte erneut versuchen können, wir haben doch über jeden öffentlich gewordenen Fall geredet.Was hat sie sich über Dörte Caspary erregt, und wir waren uns einig: Eine Stasi-Mitarbeit kommt eben immer raus." Jedesmal, wenn er sich ein bißchen frei geredet hat, brummelt er wieder etwas in sich hinein, woran er fast erstickt."Vielleicht hatte sie ja Angst, wegen meiner rigorosen Urteile über andere Fälle." - "Aber ich hab doch immer gesagt: Ich ziehe den Hut vor jedem, der es von sich aus sagt."

Anstatt daß er den Hut ziehen kann, hat dieser Stasi-Fall ihm sogar die Telefonate mit Gisela Oechelhäuser kaputt gemacht.Denn so wie auf der Bühne der "Distel" hat plötzlich auch im Leben jedes Wort eine andere Bedeutung.Das letzte Mal war die Leitung zwischen ihnen unterbrochen, nachdem er zu ihr gesagt hatte: "Was mußt Du all die Jahre gelitten haben!" Jetzt faxen sie nur noch.Peter Ensikat muß nicht immer gleich irgendeine Antwort haben."Ich finde, sie braucht Ruhe und wir auch." Die Oechelhäuser aber kann die Ruhe nicht finden.Ihr zuliebe faxt Peter Ensikat jedesmal zurück.

Kabarett nimmt sich, was auf der Straße liegt, und bringt es in absurdeste Zusammenhänge.Solche etwa wie die, in denen sich Peter Ensikat jetzt befindet."Irgendwann muß ich das aufschreiben können." Dann hätte er den Fall für sich geschafft.Auf dem Papier.Aber kann man 420 Leuten eine Kabarett-Karte verkaufen, um ihnen dann zu zeigen, daß man ratlos ist?

"Wir sind ein starkes Stück" läuft seit

dem 22.April in der "Distel", am Bahnhof Friedrichstraße, Kasse 2 04 47 04

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