Kultur : Werbung als Waffe

Im Kino: „Verführung einer Fremden“

Martin Schwickert

Dies ist ein Film über Geheimnisse. Und das Wichtigste bei denen ist: Wie gut gelingt es dem Film selbst, sein Geheimnis zu verbergen? Das Zweitwichtigste: Wie geschickt sind die Fährten ausgelegt, die das Publikum an der Nase herumführen und es trotzdem vage erahnen lassen, welche finale Richtung die Story nimmt? Auf beiden Ebenen erreicht James Foleys „Verführung einer Fremden“ eine hohe Punktzahl. Auch geübte Kinogänger werden von der Auflösung überrascht sein und zum gemeinsamen Nachkarten bietet der Film auch genug Stoff.

Im Zentrum steht die investigative Journalistin Rowena (Halle Berry), deren Beruf es ist, Geheimnisse wie die homosexuellen Neigungen erzkonservativer Senatoren zu lüften. Als ihre Freundin aus Kindheitstagen ermordet und verstümmelt aufgefunden wird, nimmt sie die Recherchen in die Hand. Nur wenige Tage zuvor nämlich hatte ihr Grace von einer Chatroom-Affäre mit dem hochrangigen Werbemanager Harrison Hill (Bruce Willis) berichtet. Rowena schleust sich als Hilfskraft in die Firma ein und versucht, dem mutmaßlichen Perversling das Handwerk zu legen. Ein Großteil des Annäherungsversuches findet im anonymen Chatroom statt, weshalb sich die Kamera allzu oft in Großaufnahme an blinkende Cursorbalken heftet. Weil das auf Dauer aber doch eintönig wäre, zwängt sich die aparte Oscar-Preisträgerin immer wieder in freizügig gehaltene Designer-Kleidchen, um den polygamen Werbeheini als eine Art Diane mit verführenden Einblicken zur Strecke zu bringen.

Wie schon in „Monster’s Ball“ und „Gothika“ spielt Berry auch hier eine Frau, die sich ihren Weg aus den eigenen quälenden Erfahrungen und Traumata bahnt. Aus dem Spiel mit der Blendkraft von Berrys Attraktivität speist sich auch das narrative Verwirrungspotenzial des Films. Insgesamt stilsicher und atmosphärisch dicht inszeniert, besteht das eigentliche Problem von „Verführung einer Fremden“ in seiner ungesunden Fixierung auf die Schlusswendung. Die verpasst der Geschichte in den letzten Minuten unvermittelt einen psychologischen Tiefgang, von dem man schon vorher – Geheimnis hin, Geheimnis her – gerne etwas mehr gewusst hätte.

In 18 Berliner Kinos

0 Kommentare

Neuester Kommentar