Kultur : Werbung mit einer Legende

Für Liebhaber der Nazizeit waren die New Yorker Theater von jeher eine Fundgrube.Aber es kommt nicht alle Tage vor, daß am Broadway - also da, wo scharf kalkulierende Investoren ein Massenpublikum anzulocken suchen - gleichzeitig drei Schlachtrösser, die schon viele braune Jahre auf dem Buckel haben, ihre Runden drehen.Für "Cabaret", einen Import aus London, wurde das Henry Miller Theater in den Kat Kat Klub verwandelt: An Kneipentischen und bei teuren Drinks darf man sich vorkommen wie ein Berliner in den verworfenen dreißiger Jahren."The Sound of Music", nach 35jähriger Abwesenheit wieder an den Broadway zurückgekehrt, versetzt uns in die Heimat des Führers und das Jahr, in dem die "Ostmark" Teil des Großdeutschen Reiches wurde.Mehrere Nachfahren der singenden Trapp-Familie, die in Stowe, Vermont ("There is always snow at Stowe"), ein Skihotel betreiben, wohnten der Premiere bei.Und schließlich "Das Tagebuch der Anne Frank", der beklemmende Alltag in jenem Hinterhaus an der Prinsengracht, in dem sich acht Menschen zwei Jahre lang versteckten, bis ihnen die Gestapo auf die Spur kam.Nur Otto Frank, Annes Vater, überlebt den Krieg.

"Das Tagebuch der Anne Frank" war ein Welterfolg.Kein Wunder, daß die Geschichte des tapferen Judenmädchens, das die Enge seiner Welt überwand, indem es sie beschrieb, nicht nur Rührung und Mitleid weckt, sondern auch Mißgunst und Eifersucht.Man bezweifelte die Authentizität des manchem allzu frühreif erscheinenden Tagebuchs; doch wurde sie nach mehrjährigen Untersuchungen vom niederländischen Justizministerium bestätigt.In Israel bestand am Holocaust zunächst nur geringes Interesse.Die Katastrophe des Judentums paßte schlecht zu dem heroischen Selbstverständnis, das die Gründergeneration von sich hatte.Erst seit dem Eichmann-Prozeß empfand man das Bedürfnis, das Gemeinschaftsgefühl der aus allen Teilen der Erde zusammengeströmten Israelis zu stärken.Als identitätsstiftendes Bindemittel bot sich die jüdische Leidensgeschichte an.Holocaust-Studien wurden zum Pflichtfach in den Volks- und Oberschulen.Heute machen sie etwa ein Fünftel des im Abitur abgefragten Wissensstoff aus.Anne Frank nimmt in diesem Universum eine Stellung ein, die etwa der der Märtyrerinnen in den christlichen Heiligenlegenden entspricht.

"Zu didaktisch, zu jüdisch"

In Amerika verlief die Entwicklung anders.Hier wurde um den Anspruch, der zuständige Deuter der heiligen Schrift zu sein, vor Gericht gestritten.Die "New York Times Book Review" hatte die englische Übersetzung des Tagebuchs enthusiastisch begrüßt.Der Verfasser der Rezension, Meyer Levin, der selbst Romane und Erzählungen aus dem jüdisch-orthodoxen Milieu schrieb, wandte sich an Vater Frank und bot ihm an, aus dem Tagebuch ein Theaterstück zu machen.Frank stimmte zu, doch wurde das Ergebnis von mehreren Produzenten abgelehnt.Es war ihnen zu didaktisch und zu jüdisch.Wie ein Prophet des Alten Testaments wollte Levin den Juden im Parkett einreden, der Holocaust sei Gottes Strafe für ihren Abfall vom rechten Glauben gewesen.Damit war am Broadway kein Geschäft zu machen.Frank ließ Levin fallen und bot das Tagebuch Lillian Hellman ("The Little Foxes") zur Bearbeitung an.Lilian Hellman verwies ihn an Frances Goodrich und Albert Hackett, ein bewährtes Team von Drehbuchautoren ("The Thin Man", "Father of the Bride"), beides Nichtjuden.In ihrer Fassung erreichte das Tagebuch die Bühne und später die Leinwand.Levin ließ die Abfuhr nicht auf sich beruhen.Er sah in ihr eine antisemitische, kommunistische Verschwörung mit dem Ziel, die Einzigartigkeit des Holocaust in einem sentimentalen Rührstück zu verwässern.Er verklagte Frank wegen Vertragsbruchs, verlor jedoch den Prozeß.Auch Simon Wiesenthal, den er aufgefordert hatte, Franks Verhalten in Auschwitz zu überprüfen, wies ihn ab.

Unvergessene Botschaft

Levon starb 1981, doch seine Botschaft ist nicht vergessen.In einer Zeit, in der die jüdischen Organisationen Amerikas besorgt verfolgen, wie ihre Gemeinde, unbekümmert um ihre jüdische "Identität", im Mainstream aufgehen, hat sie sogar Aussicht, gehört zu werden.Zwei Bücher (Lawrence Graver, "An Obsession with Anne Frank", University of California Press; Ralph Melnick, "The Stolen Legacy of Anne Frank", Yale University Press) erinnern an Levins vergeblichen Kampf.Die von Wendy Kesselmann überarbeitete Fassung, die am Broadway zu sehen ist, schwingt den pädagogischen Holzhammer zwar nur diskret.Doch steht sie Levins Lehrstück näher als die alte Version.

Man betet und singt hebräisch - was die assimilierte Familie Frank, für die Weihnachten wichtiger war als Jom Kippur, bestimmt nie getan hat.Und Anne weiß auch schon, daß ihnen im Fall der Entdeckung der Gastod blüht - historisch eine Unmöglichkeit.Die Kritik zeigte sich nur mäßig beeindruckt, und das Music Box Theater war, als wir es besuchten, halbvoll.Aber dank Steven Spielbergs großzügiger Shoah Foundation hält sich die Neufassung seit einem halben Jahr auf der Bühne und dürfte dort vermutlich noch eine ganze Weile bleiben.Ob sie das Publikum von der Einzigartigkeit des Holocaust überzeugt, ist allerdings die Frage.Dem Publikum von "Cabaret" wird diese Überzeugung sogar bewußt ausgetrieben: Am Schluß der Vorstellung gehen die Protagonisten gemeinsam ins Gas - die einen mit dem Davidstern, die andern mit dem rosa Dreieck.

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