Kultur : Werden Sie Ohrenzeuge

Alles authentisch: Janet Cardiff und George Bures Miller in der Galerie Barbara Weiss

Ralf Christofori

Wer sich derzeit vom Martin-Gropius-Bau über die Galerie Arndt & Partner zu Barbara Weiss vorarbeitet, folgt unweigerlich einer Fährte der Erinnerung. In den ersten beiden Ausstellungen ist es Sophie Calle, bei der sich das Gedenken in Bildergeschichten und fast schon belletristischen Novellen vollzieht. Notorisch wird man als Betrachter hinters Licht geführt, wird solange verführt und wieder distanziert, bis vollends unklar ist, ob man letztlich an der Authentizität oder Fiktion dieser detailreichen Erinnerungsspuren zweifeln soll. Die Ausstellung von Janet Cardiff und George Bures Miller bei Barbara Weiss könnte man unter denselben Prämissen betrachten. Und doch geht es gleichzeitig um weniger und mehr: weniger, weil den in Berlin lebenden Künstlern der genannte Zweifel nicht vordringlicher Zweck ist; und mehr, weil die beiden ihre Arbeiten stets an die Mittel ihres Entstehens zurückbinden.

Gleich im Treppenaufgang zur Galerie Weiss ertönt eine lang gezogene Stimme aus einem Lautsprecher. In sechzig Minuten zählt jemand von eins bis sechzig. Die Stimme dehnt die Zeit – oder umgekehrt? „Counting Slowly“ heißt diese Arbeit (18000 Euro) lapidar. Im ersten Galerieraum trifft man dann auf einen schlichten Schreibtisch mit Stuhl und Telefon. Das Ensemble „Telephone“ (35000 Euro) scheint aus den Sechzigerjahren zu stammen. Sobald man den schweren Hörer ans Ohr hält, wird man Zeuge eines Lauschangriffs: ein Mann und eine Frau tauschen pseudowissenschaftliche Fakten und Erfahrungen über das Zeitempfinden aus, neugierig klingen die Fragen der Frau, konspirativ die verquasten Antworten des Mannes. Absurd wirkt das Ganze, aber es könnte ja auch um mehr gehen – nicht um Wissenschaft oder Esoterik, sondern um verklausulierte Chiffren des Kalten Krieges. Unweigerlich fühlt man sich um Jahrzehnte zurückgeworfen. Mit denkbar sparsamen Mitteln erzeugt das Künstlerpaar eine durchaus veritable Zeitmaschine.

Wie überzeugend Janet Cardiff und George Bures Miller in ihren Arbeiten die Betrachter einzunehmen wissen, ist spätestens seit ihren Auftritten bei der 49. Biennale von Venedig oder im Hamburger Bahnhof bekannt. Wenn man so will, verdanken sie ihren Erfolg der zunehmenden Perfektionierung einer Art audiovisuellen Stereoskops. Dass aber diese originäre Anordnung nicht zum globalen Markenzeichen wurde, sondern die Künstler stets neue Formen und Inhalte entdecken lässt, zeichnet sie aus. Die zentrale Arbeit der Ausstellung, „Road Trip“ (65000 Euro), gehört dabei zu den herausragenden Werken. Die Installation besteht aus einer Stativleinwand, einem Diaprojektor und zwei Lautsprechern. Zwei Stuhlreihen weisen dem Besucher den Platz, von dem aus er einer 15-minütigen Diashow folgen kann. Extrem rot- und blaustichige Dias werden gezeigt, es sind alte Aufnahmen von kanadischen Landstrichen. Sie stammen vom Großvater George Bures Millers. „Alles authentisch“, bekennt der Künstler – und das gilt vor allem für die Vorführsituation. Die Künstler lassen Dias durchlaufen, unterhalten sich dabei über die Aufnahmen und deren Entstehung. Nach und nach erfährt der Zuhörer, wer und was auf der Leinwand zu sehen ist. Bures Miller erzählt von seinem Großvater, dessen „Road Trip“ seinerzeit von der Heimatstadt Calgary nach New York führte, wo der an der Hodgkinschen Krankheit leidende Mann behandelt werden sollte. Die Chronologie der Landstriche wird in die richtige Reihenfolge gebracht, die Dias umsortiert, gerade so, als wollten die Künstler an ihnen gewissermaßen stellvertretend eine vergangene Biografie rekonstruieren.

Janet Cardiff zeigt in der Ausstellung noch einige ihrer „Newspaper Poems“ (3000 Euro), die seit 2002 in loser Folge entstehen. Informationswert und Verfallszeit eines historischen Gedächtnisses, das sich in den Leitartikeln der Tagespresse niederschlägt, sind hier zum Material für ebenso reale wie poetische Sinnbilder geworden. „The sudden dead lay waiting throughout the night longing to rise up and fly“, heißt es dort in ausgeschnittenen und neu zusammengefügten Wortfolgen; klappt man die Tafel auf, so erscheint die unverfälschte Überschrift des Artikels, aus dem diese Worte stammen: „British Troops Storm Basra“. Ob Bild, Text oder Ton – in den Arbeiten von Cardiff und Bures Miller scheinen Mittel und Zweck, Medium und Botschaft nie eins zu sein. Gerade diese Differenz macht den feinen Unterschied aus – und die besondere Qualität ihrer Arbeit.

Galerie Barbara Weiss, Zimmerstraße 88-89, Berlin, bis 13. November, Dienstag bis Sonnabend 11–18 Uhr.

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