Kultur : "Werkdokumente": Das gelbe Haus

Bernhard Schulz

Die Architektur der deutschsprachigen Schweiz und des westlichen Österreich - abders gesagt, von Basel über Graubünden bis Tirol - ist längst kein Geheimtipp mehr. Es hat sich herumgesprochen, dass dort in den vergangenen zwanzig Jahren eine neue Architektur, ja eine neue Baukunst entstanden ist. Namen wie Herzog & de Meuron, Zumthor oder Baumschlager /Eberle fallen mittlerweile bei zahlreichen, mehr und mehr auch internationalen Vorhaben. Aber die neue Baukunst erschöpft sich nicht in den Großprojekten, sondern hat eine erstaunliche Breite bis in scheinbar beiläufige, tatsächlich jedoch oft orts- und landschaftsprägende Bauaufgaben erreicht.

Wie erfährt man von solchen Bauten? Überblickspublikationen gibt es in reicher Zahl. Das einzelne Bauwerk findet demgegenüber oft nur wenig Aufmerksamkeit. Genau diesem einzelnen Werk widmet sich die Reihe "Werkdokumente", die mittlerweile auf knapp 20 Bände angewachsen ist. Herausgegeben wird sie vom "archiv kunst architektur" am Kunsthaus Bregenz, das kürzlich die Bände 17 bis 19 vorlegte. Es sind eigenwillige Bücher - und darum so verwandt den von ihnen vorgestellten Bauten. Was nämlich das Gros der gegenwärtigen Buchproduktion ausmacht, sind zumeist monografische Übersichten, die das µuvre eines Architekten beziehungsweise eines Büros vorstellen, oft genug als Reihenwerke angelegt, der beeindruckenden Bauleistung größerer Büros entsprechend. Was hingegen fehlt und keinen nennenswerten Markt hat, sind Darstellungen einzelner Gebäude. Die Ausnahmen sind oft genug "getarntes" Werbematerial für den Investor.

Aber eine Abhandlung zum Beispiel über "Das gelbe Haus" von Valerio Olgiati in Flims in Graubünden? Oder über das kleine "Museum Liner Appenzell" von dem Zürcher Architektenpaar Gigon & Guyer? Oder auch - um die Möglichkeiten der Architektur in ganzer Breite auszuloten - über die Gestaltung der New Yorker Galerie "Storefront for art and architecture" des Künstlers Vito Acconci und des Architekten Steven Holl? Genau das aber sind die Themen der jüngsten "Werkdokumente".

Wenn Holl im letztgenannten Band davon spricht, dass Architektur, um ihre physischen Bedingungen zu überschreiten, ihrer Bedeutung nach einen "äquivalenten Platz innerhalb der Sprache einnehmen" müsse, darf das auf das ganze Konzept der schmalen, handlich klein gehaltenen Bände bezogen werden. Architektur erhält hier eine Bedeutung in Text, Abbildung und grafischer gestaltung, die ihrer realen, wohlgemerkt unausweichlichen Präsenz entspricht. Man könnte schlicht von "Sorgfalt" sprechen. Wie etwa Olgiatis im Wortsinne "merkwürdiges" Haus bei allen Tages- und Jahreszeiten gezeigt wird, um nicht durch eine geschönte Auswahl etwas vorzutäuschen; wie das "Museum Liner" in genau jenem diffizilen Bezug zu seiner unaufregenden Umgebung, die für Gigon & Guyer entwurfsleitend war - das ist allein aus einer exakten Kenntnis dieser Bauten heraus denkbar.

Jedes der Werkdokumente erschließt ein anspruchsvolles, ja schwieriges Bauwerk. Dass öffentliche Bauten dominieren und unter diesen wiederum Museen, hat mit der Lage der zeitgenössischen Architektur zu tun, die dem öffentlichen Bauherren eine besondere Verantwortung für die Entwicklung und Qualität der zeitgenössischen Architektur auferlegt. Manche der Bauten erlangen durchaus Popularität - an der Spitze das Bregenzer Kunsthaus selbst, das Peter Zumthor als geheimnisvollen Lichtkubus gestaltet hat. Dass die "Werkdokumente" auf Marktgängigkeit indessen nicht spekulieren, belegt der Umstand, dass die Monographie zum heimatlichen Kunsthaus erst als zwölfter Band der Reihe erschien. Und sonst? Da finden sich Peter Märklis Bildhauermuseum "La Congiunta" im tessinischen Giornico, wohl kaum ein Touristenmagnet; Franz Erhard Walters Kärntner "Kunsthalle Ritter" - derzeit in ihrem Aussehen höchst bedroht - oder das Haus der Sammlung Goetz in München, entworfen von den Basler Weltstars Herzog & de Meuron. Dazu Schulen, ein Kindergarten und sogar eine "Nachtwallfahrtskapelle" in Tirol.

Die "Werkdokumente" des Kunsthauses Bregenz beschränken sich also nicht auf die Alpenländer. Aber dass sie nicht gefällig sind, sondern kompromisslos Maßstäbe setzen, muss mit ihrer regionalen Herkunft zu tun haben.

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