Kultur : Werke der klassischen Moderne und Fotografie

Markus Krause

Ob er das Bild wohl geschenkt bekommen hat? Ehemals aus dem Besitz von Will Grohmann, dem Kunstpapst der 50er Jahre, stammt eines der attraktivsten Stücke, das die Villa Grisebach in ihrer Herbstauktion am 26. und 27. November im Bereich der Nachkriegskunst zu bieten hat: Das Gemälde "Montaru 16" von Willi Baumeister aus dem Jahr 1953. Grohmann verfasste 1963 einen umfangreichen Werkkatalog der Ölbilder von Baumeister, und es wäre nicht verwunderlich, wenn er es zum Dank von der Familie des 1955 gestorbenen Malers erhalten hätte - wer kann eine so aufwendige Arbeit schon mit Geld bezahlen? Heute allerdings wird niemand damit rechnen dürfen, das Bild als Geschenk zu bekommen. Mindestens 350 000 Mark werden erwartet. Damit ist es genau so hoch angesetzt wie Ernst Wilhelm Nays Scheibenbild "Purpur und Ultramarin" von 1959, das ebenfalls eine interessante Herkunft hat. Es hing lange Zeit als Leihgabe im Museum am Ostwall in Dortmund.

Traditionellerweise bildet jedoch weniger die Kunst nach 1945 als vielmehr die Klassische Moderne - vor allem der Expressionismus - den qualitativen Schwerpunkt der Auktionen der Villa Grisebach. Um so auffälliger ist es, dass hier die herausragenden Werke diesmal nicht ganz so dicht gestreut sind wie üblich. Die Preisspitze unter den Gemälden belegt mit einer Schätzung um 1 Million Mark Erich Heckels schmales Hochformat "Stehendes Mädchen" von 1913, das im Katalog als "jüngst bekannt gewordene" Neuentdeckung des Künstlers beschrieben wird, aber vor immerhin neun Jahren im gleichen Haus schon einmal versteigert wurde. Grandios ist das Aquarell eines Blumenstilllebens, das Lovis Corinth um 1924, ein Jahr vor seinem Tod, im Farbrausch aufs Papier geworfen hat (Taxe 160 000 Mark). Spannendes auch unter den Plastiken: Der graue Steinguss der Gruppe "Mutter und Kind" von Wilhelm Lehmbruck aus dem Jahr 1918 lässt sich bis zum legendären Galeristen Alfred Flechtheim zurück verfolgen und kostet um die 600 000 Mark. Wem diese Plastik zu spröde ist, wird sich vielleicht für die anmutige, dennoch nicht süßliche "Kleine Tänzerin" begeistern, eine Holzschnitzarbeit von Georg Kolbe aus dem Jahr 1912 (mindestens 180 000 Mark).

Unter den Druckgrafiken, die für den ersten Katalog ausgewählt wurden, ist die eindrucksvolle, in den Farben Grün, Blau und Schwarz gedruckte Lithografie einer "Lehmgrube" mit Häusern hervorzuheben, die Ernst Ludwig Kirchner 1911 geschaffen hat (50 000 DM). Auch diese Arbeit ist über jeden Zweifel erhaben, gehörte sie doch einst dem Museumsmann Carl Georg Heise. Provenienzen werden in unsicheren Zeiten immer wichtiger, und die Villa Grisebach kann sich glücklich schätzen, eine Reihe erstklassiger Verweise parat zu haben.

Der zweite Katalog ist wie immer besonders reich - wenn auch nicht ausschließlich - mit Papierarbeiten bestückt. Stellvertretend sei nur die kleine, aber ungemein dichte, aquarellierte Federzeichnung "Tanzsalon" von Max Pechstein erwähnt, die 1911 in einem unbekannten Berliner Etablissement entstand (bis 20 000 Mark). Es lohnt aber auch die Suche nach Trouvaillen - wenn es denn bei den angesetzten Schätzpreisen bleibt. Ein frühes informelles Ölbild von Bernhard Schultze von 1957 ist beispielsweise auf 4000 bis 6000 Mark taxiert. Entdeckungen gibt es auch im gesonderten Angebot mit Taxen bis 5000 Mark. Hier soll ein kleines abstraktes Ölbild von Francis Bott aus dem gleichen Jahr 4000 Mark kosten. Eine Marmor-Ritzzeichnung von Gustav Seitz von 1946 ist mit 3000 Mark veranschlagt. Egal, in welchen Preisregionen man sich als Käufer bewegt, genaues Hinschauen lohnt.

Genau hinschauen muss man auch bei der Fotografie, der wieder ein eigener Katalog mit rund 400 Nummern gewidmet ist. Auffällig viele Künstler-Porträts befinden sich in dem breit gefächerten Angebot, das hauptsächlich die Zeitspanne von 1910 bis etwa 1960 umfasst. Egon Schiele, vor dem Spiegel stehend und die Hände in den Hosentaschen, hat nur Augen für sich übrig (Vintage von Johannes Fischer von 1915, 5000 Mark), während Gustav Klimt, im bodenlangen Umhang und mit Katze auf dem Arm, aufmerksam zu seinem Gegenübers blickt (Vintage von Moritz Mähr, um 1910, 6000 Mark). Maximale Präsenz besitzt natürlich Picasso, diesmal auf einem Foto von Man Ray aus dem Jahr 1932 (Vintage, bis 30 000 Mark). Und wer den internationalen Kunstmarkt der letzten Wochen beobachtet hat, findet einen alten Bekannten wieder. 10 Millionen Mark wurden kürzlich für ein Porträt bezahlt, das Otto Dix 1926 von dem Dresdner Rechtsanwalt und Kunstförderer Fritz Glaser gemalt hat. Dann vielleicht doch lieber das Foto des Rechtsanwalts, aus der Hand von Edmund Kesting - für 2000 Mark.Villa Grisebach Auktionen, Fasanenstraße 25, Auktion am 26./27. November; Vorbesichtigung 21. bis 25. November, Sonntag bis Dienstag 10-18.30 Uhr, Mittwoch 10-20 Uhr, Donnerstag 10-17 Uhr. Vier Kataloge zus. 120 DM.

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