Kultur : "Werke und Dokumente": Kunst und Sitte

Nicola Kuhn

Der Umgang mit umstrittener Kunst will gelernt sein. Zur Zeit gibt es gleich doppelten Anschauungsunterricht darin, wie es nicht laufen sollte. Sowohl Chemnitz als auch Nürnberg haben Ausstellungen abgesagt, die entweder schon vorher oder spätestens nach Eröffnung ins Kreuzfeuer der Kritik geraten wären. So weit ähneln sich die Fälle; ansonsten trennt sie mancherlei.

In Chemnitz sind kurzfristig Lothar Günther Buchheims Zeichnungen aus den Jahren 1941 bis 1945, in denen er als Kriegsberichterstatter der Marine arbeitete, aus dem Terminplan genommen worden. Laut Museumsdirektor habe der Buchautor und Sammler entscheidende, sein damaliges Schaffen erklärende Textteile aus dem Katalog streichen lassen wollen. Pikanterweise zeigt das Chemnitzer Schlossbergmuseum nun stattdessen eine Schau über die großflächige Zerstörung der Stadt im Zweiten Weltkrieg.

In Nürnberg wiederum machte der dreißigköpfige Verwaltungsrat dem Germanischen Nationalmuseum einen Strich durch die Rechnung, indem er die seit zwei Jahren vorbereitete Ausstellung "Werke und Dokumente" zu Willi Sittes 80. Geburtstag im letzten Moment stoppte. Überraschend seien in dem seit 1992 in Nürnberg aufbewahrten Archiv des Künstlers Dokumente aufgetaucht, nach denen sich der zwischen 1986 und 1989 dem ZK der SED angehörende Kunstfunktionär bei der Stasi für die Reiseerlaubnis eines Künstlers eingesetzt hatte. Dies mache eine nochmals zweijährige (!) Aufarbeitungszeit notwendig - hieß es zur Erklärung. Stattdessen sollte ein wissenschaftliches Symposium zu Sitte und der Staatskunst der DDR stattfinden. Der Künstler lehnte daraufhin dankend ab und hat sich nun auch von der auf 2003 verschobenen Ausstellung zurückgezogen.

So unterschiedlich sie sind, so machen doch beide Fälle eines deutlich: Nach Jahrzehnten der Abstinenz, ja des Tabuverdikts wagen sich Museen zwar an heikle Werke - seien sie im Dritten Reich entstanden und faschistischer Ästhetik oder gehörten sie zum "Sozialistischen Realismus" der DDR. Für eine öffentliche Auseinandersetzung scheint die Zeit dennoch nicht reif. Entweder traut man sich selber (siehe Nürnberg) oder dem Publikum nicht (siehe Chemnitz).

Dabei sollten, allein was die Begegnung mit der Kunstdoktrin der DDR und ihren Protagonisten betrifft, zehn Jahre seit der Wiedervereinigung hinreichend Reflexionsraum geschaffen haben. Gerade nach dem Weimarer Debakel, wo 1999 die Ausstellung "Aufstieg und Fall der Moderne" DDR- und Nazi-Kunst (ob von Dissidenten oder Parteigängern) über einen Leisten geschert hatte, wäre jetzt Gelegenheit gewesen zu einer differenzierten Stellungnahme: auch am Beispiel von Willi Sitte. Allerdings bleibt die kunstkritische Bewertung immer auch zeitabhängig. Ästhetik und Ethik mischen sich, wenn es um Werke aus Zeiten der Diktatur geht. Längst ist es überfällig, die Kunst aus 40 Jahren DDR genauer zu erforschen und darzustellen. Allein mit einer Figur wie Sitte wird man dazu allerdings schwerlich beitragen.

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