Werkschau im Berliner Arsenal-Kino : Tage im Hotel

Das Arsenal würdigt das Œuvre der französischen Filmemacherin und Drehbuchautorin Pascale Ferran

Esther Buss
Szene aus dem Film "Bird People" (2014) von Pascale Ferran
Szene aus dem Film "Bird People" (2014) von Pascale FerranFoto: Arsenal Kino

Die Symphonie eines Transitorts: Menschen durchqueren den Raum eines Pariser Bahnhofs, allein, zu zweit, in Gruppen. Sie fahren auf Rolltreppen, passieren Durchgangsschranken, dazwischen gibt es Blicke auf Anzeigetafeln, Metropläne, Uhren. Im Vorortzug konturieren sich porträthaft einzelne Figuren heraus: Pendler, die lesen, Musik hören, Textnachrichten schreiben. „Der Raum des Nicht-Ortes schafft keine besondere Identität und keine besondere Relation, sondern Einsamkeit und Ähnlichkeit“, schreibt der französische Anthropologe Marc Augé in „Nicht-Orte“. Das Buch liest sich mitunter wie die Vorlage zu dem Film „Bird People“, eine der vier Regiearbeiten der französischen Filmemacherin und Drehbuchautorin Pascale Ferran, die das Berliner Arsenal-Kino nun im Rahmen einer Werkschau zeigt.

Ein Geschäftsmann aus dem Silicon-Valley trifft ein Zimmermädchen

Ferran erzählt in „Bird People“, ihrem aktuellsten Werk, von zwei Menschen, die sich an einem dieser Übergangsorte – einem Flughafenhotel – radikal transformieren. Der amerikanische Silicon-Valley-Geschäftsmann mit dem sprechenden Namen Gary Newman beschließt nach einer nächtlichen Panikattacke, mit seinem alten Leben zu brechen. Er kündigt seinen Job, verlässt Ehefrau und Kinder. Während Garys Befreiung sich noch ganz im Register des Bekannten bewegt (Melancholie und Entfremdung im Digitalzeitalter), sprengt die Metamorphose des verhuschten Zimmermädchens Audrey alle Regeln des Hotelfilms: Sie verwandelt sich in einen Vogel.

Ein Blick in das Leben arbeitender Großstadtmenschen

Ihre Spatzwerdung bereichert den Film dabei nicht nur mit Elementen des Märchens und des Surrealismus. Mit der Aufhebung der anthropozentrischen Perspektive eröffnet Ferran ungewohnte Einblicke in die sozioökonomischen Verhältnisse arbeitender Großstadtmenschen. Einmal etwa flattert Audrey einem wohnungslosen Hotelarbeiter hinterher, der sich nach Dienstschluss im Auto ein Schlaflager einrichtet. Und so schenkt sie dem Film einen hinreißenden Nachtflug zu David Bowies „Space Oddity“.

Neben Ferrans drei anderen Regiearbeiten, die teilsl in großen zeitlichen Abständen entstanden, umfasst das Programm auch Filme, für die sie als Drehbuchautorin tätig war, wie Arnaud Desplechins „La Sentinelle“ (1992) und Mathieu Amalrics „Mange ta soupe“ (1997). Ferrans Handschrift lässt sich nicht leicht erkennen. Jeder Film sieht anders aus, hat einen anderen Klang. Gemeinsam sind den Filmen stilistische Zäsuren wie Zwischenüberschriften, eine unvermittelt einsetzende Erzählerstimme, Szenen, in denen sich Figuren direkt an die Kamera wenden.

Ferran lieferte eine grandiose "Lady Chatterly"-Verfilmung

Auch die Themen Verwandlung und Veränderung ziehen sich durch Ferrans Werk. In ihrem Debüt „Petits arrangements avec les morts“ (1994) entfalten sich, ausgehend vom Bild einer Sandburg, die ein Mann an einem Strand errichtet, die traumatischen Verlustgeschichten von drei Figuren.

Ferrans organischster Film – eine der erstaunlichsten Literaturverfilmungen überhaupt – ist „Lady Chatterley“ (2006). Basierend auf D.H. Lawrence’ Skandal-Roman beschreibt Ferran die nicht nur sexuelle Befreiung einer englischen Aristokratin und Ehefrau eines kriegsversehrten Bergwerkbesitzers. Als Constance, für die der männliche Körper allein ein Objekt der Fürsorge und Pflege ist, dem Wildhüter Parkin begegnet, erfährt sie einen erotischen Schock, der ihr Begehren wachruft. Ferran nimmt sich 168 Minuten Zeit, die leidenschaftliche Liebe zwischen dem nicht standesgemäßen Paar zu entwickeln, ihren immer selbstverständlicher werdenden Körperdialog auszuformulieren, vor allem in präzise inszenierten Sexszenen. Der schwüle Softcore-Touch, der den meisten Lawrence-Verfilmungen anhaftete, weicht einem direkten, gänzlich unverklemmten Stil. In gewisser Weise beschreiben Ferrans Filme immer Transiträume: Sie befreien jene, die sie betreten, von ihren Bestimmungen.

Kino Arsenal, bis 11.11., am Freitag, 3.11., um 20 Uhr läuft "Bird People", am Samstag, 4.11., um 19 Uhr läuft „Lady Chatterly“, an beiden Tagen anschließend Gespräch mit der Regisseurin

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