Kultur : Wermutstropfen

GREGOR SCHMITZ-STEVENS

1998 ist ein Rachmaninow-Jahr: der Geburtstag des russischen Komponisten jährte sich am 1.April zum 125., sein Todestag am 28.März zum 55.Mal.Mit einiger Verspätung lud nun die "Deutsche Rachmaninow-Gesellschaft" unter Schirmherrschaft der Berliner Botschaft der Russischen Föderation zu einem Gedenkkonzert in den Kleinen Saal des Schauspielhauses.Auf dem Programm stand Ungewöhnliches: nichts Sinfonisches oder Pianistisches, mit dem Rachmaninow in aller Welt bekannt ist, sondern Kammermusikalisches.Und hier keine abgeschlossenen Kompositionen, sondern zwei Fragmente: das erste und zweite Streichquartett.

Das erste Quartett ist eine frühe Komposition (1889), die auch in einer späteren Fassung für Streichorchester existiert.Die beiden Sätze - eine sehnsüchtige Romanze und ein ruppiges Scherzo - entsprechen ganz den romantischen Vorstellungen des 19.Jahrhunderts.Die Interpreten, das russische Rachmaninow-Quartett, überzeichneten die Charaktere etwas, ließen die melancholischen Melodien im langsamen Satz mit "russischer Seele" schluchzen und veranstalteten im Scherzo einen schier beängstigenden Wirbelwind.Schmerzhafte Schwächen in der Intonation und aufreizend lässige Ungenauigkeiten im musikalische Detail können leider nicht unerwähnt bleiben.

Rachmaninows unbekanntes zweites Quartett, das wohl zwischen 1910 und 1913 entstanden ist, hinterläßt stärker den Eindruck einer unausgeführten Skizze als das erste, dessen zwei Sätze doch in sich abgeschlossen wirken.Wirklich schwach ist im zweiten Quartett vor allem der zweite Satz, Andante molto sostenuto, eine nicht enden wollende Passacaglia, deren stumpfsinnige Wiederholungen höchstens als Entwurfsstufe verstanden werden können.Auch hier vermißte man in der Interpretation durch das Rachmaninow-Quartett ein wenig die Klangkultur - sowohl im "piano", das matt und gar nicht glänzend klang, als auch im "forte", das sogleich gewaltig und mit allerhand Nebengeräuschen daherkam.Das galt auch für Peter Tschaikowskys erstes Quartett (D-Dur Opus 11), welches das Programm ergänzte.

Will man, wie es sich die "Rachmaninow-Gesellschaft" vorgenommen hat, Bedenken gegen Rachmaninows Musik aus der Welt schaffen, wie sie in Deutschland vor allem Theodor W.Adorno erhoben hat, so sind die beiden Streichquartette, zumal in einer fragwürdigen Interpretation, hierzu bedauerlicherweise nicht geeignet: sie zeigen eher Rachmaninows Scheitern an der klassischen Gattung als deren kompositorische Bewältigung.

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