Werner Herzog im Interview : „Gut bin ich, wenn ich gemein sein darf“

Er gehört zu den produktivsten Akteuren des deutschen Films: Werner Herzog, der in Los Angeles lebende Bayer, wird am heutigen Freitag bei der Deutschen Filmpreis-Gala in Berlin geehrt. Im Interview spricht der Regisseur über Arbeitswut, Hass und Heimat.

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Filmer, Forscher, Abenteurer. In Edgar Reitz’ Film „Die andere Heimat“ ist Herzog bald als Alexander von Humboldt zu sehen.
Filmer, Forscher, Abenteurer. In Edgar Reitz’ Film „Die andere Heimat“ ist Herzog bald als Alexander von Humboldt zu sehen.Foto: Sebastien Nogier/AFP

Herr Herzog, Sie haben einmal gesagt, eine Alternative zum Filmemachen sei Kochen oder zu Fuß gehen. Gilt das immer noch?

Sicher, aber es gibt noch viele andere Alternativen. Kinder großziehen, Musik spielen, Mathematik betreiben.

Wäre das alles für Sie in Frage gekommen, irgendwann in Ihrem Leben?

Nein. Für Musik hätte ich schon mit fünf Jahren ein Instrument spielen sollen. Für Mathematik müsste man bis zum 15. Lebensjahr auf dem Spitzenstand der jetzigen Erkenntnis sein, sonst wird man nie zu etwas kommen. Alle großen Durchbrüche in der Mathematik kommen von Jungen zwischen 15 und 25. Einstein war 24, als er die Relativitätstheorie schuf.

Also blieb Ihnen nichts anderes übrig, als Filme zu drehen. Ich nehme an, Sie haben es nicht bereut.

Nein, weil ich noch alles mögliche andere mache. Ich bin ja auch als Schauspieler tätig, im letzten Jahr habe ich eine Videoinstallation am Whitney Museum in New York präsentiert, und ich betreibe meine Filmschule. Ich komme auf viel breiterer Front daher als früher.

Jetzt erhalten Sie bei der Lola-Gala den Ehrenpreis für herausragende Verdienste um den deutschen Film. Macht Sie das stolz?

So ein Preis fürs Lebenswerk ist eher verdächtig, das klingt wie ein Epitaph auf einem Grab. Ich gehe ja nicht in Pension. Heute mache ich mehr Filme pro Jahr als je zuvor in meinem Leben. Sie treffen mich mitten in der wüstesten Arbeit an. Im Oktober habe ich vier neue Filme zu drehen angefangen, vor 14 Tagen habe ich sie zu Ende gemischt. Vier einstündige Filme über Menschen im Todestrakt. Meine Serie „On Death Row“ von 2011 fand so großen Anklang in den USA, dass der Sender unbedingt neue Folgen haben wollte. Aber heute ist mir klar: Das muss ein Ende haben. Weil diese Arbeit zu sehr aufs Gemüt schlägt.

Sie begegnen zum Tode verurteilten Mördern, die auf ihre Hinrichtung warten, und rekonstruieren die Fälle.

Sowohl der Cutter als auch ich haben, während wir die Filme geschnitten haben, wieder zu rauchen angefangen.

Um dem Stress oder der Depression zu entgehen?

Weder Stress noch Depression. Aber man blickt in solch fürchterliche Abgründe hinein, dass man ins Freie muss. Man klammert sich dann draußen in der Sonne an eine Zigarette. Die Intensität dieser Arbeit und dieser Filme ist höher als alles, was ich bisher gemacht habe.

Es wird bereits eine neue Fernsehserie von Ihnen angekündigt: „Hate in America“. Das klingt nach einer Fortsetzung des Todestrakt-Projekts.

„Hate in America“ wird vermutlich leider nicht stattfinden. Hass ist etwas, das Wurzeln in allen Kulturen und Zivilisationen hat. Aber in Amerika wird es eher sichtbar als etwa in Deutschland. Ich hatte mich in eine Reihe von Fällen hineingearbeitet, die mich faszinierten. Doch bei allem, was mich besonders berührte, gab es Hindernisse. Gefängnisbehörden, die mir nur ein Audiogespräch erlaubt hätten, ohne Kamera. Oder eine Gruppe von Arian Supremacists, die mit Morddrohungen kam.

Das sind Rechtsextreme?

Nein, viel rabiater. Die sind bewaffnet und morden tatsächlich. So etwa wie die NSU-Zelle in Deutschland.

Sie wollten nie dem Neuen Deutschen Film zugerechnet werden. Warum?

Vom Alter her gehöre ich natürlich zur Generation des Neuen Deutschen Films. Nur ideologisch habe ich nie wirklich dazugehört. Um 1968 haben die alle von der Arbeiterklasse gefaselt und dass Deutschland ein faschistischer Unterdrückungsstaat sei. Diesen Gedanken konnte ich nicht folgen, deshalb wurde ich abgestempelt und „Aguirre“ als faschistoider Film abgekanzelt. Bei einer Studentenversammlung habe ich gefragt: Wer von euch hat schon mal in einer Fabrik gearbeitet? Nicht einer. Aber ich hatte als Punktschweißer in Nachtschichten gearbeitet, in einer kleinen Münchner Stahlfabrik.

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