Kultur : Werner Schmalenbach: Der perfekte Kunsttheoretiker

Heinz Ohff

Am Anfang der Nachkriegs-Kunstepoche stand der Nachhilfekurs. Man absolvierte ihn hauptsächlich bei Will Grohmann und Werner Haftmann, gewieften Kennern der frühen Moderne und streitbare Geister dazu. Beide standen sie im "Krieg" der Abstrakten gegen die Gegenständlichen (und umgekehrt) auf Seiten der Erstgenannten. Die Moderne begann erneut mit heftigem Streit.

Einen solchen nahm die nächste Generation schon nicht mehr zur Kenntnis. Ihr voran ging als Lehrmeister ein Liberaler, Friedlicher, Jüngerer, der - obwohl in Göttingen geboren - in der neutralen Schweiz aufgewachsen war und in Basel über die Kunst der Naturvölker promoviert hatte. Werner Schmalenbach erwies sich schon bald als geradezu idealer Kunsthistoriker, Schriftsteller und Kunstvermittler.

Er war vielseitig. Seine erste Ausstellung galt, noch in Kriegszeiten, dem Film. Sie wurde in Deutschland gezeigt. Er hatte auch die spezifisch deutsche Kunst in der Exilzeit verfolgt und zeigte - eine Weltsensation - die erste große Kurt-Schwitters-Retrospektive. Da war er schon Direktor der Kestner-Gesellschaft Hannover, wo er von 1955 bis 1962 an die vierzig ähnlich Aufsehen erregende Ausstellungen inszenierte. Er machte damit die Kestner-Gesellschaft zum wichtigsten deutschen Kunstverein. Und mehr als das: Er hatte damit einen freien Blick auf die gegenwärtige Kunstszene geöffnet, die von keinerlei Vorurteil mit geprägt war. Qualität spielte bei ihm die Hauptrolle, konnte und durfte sich bei ihm stilistisch äußern, wie immer sie wollte. Davon hat eine ganze Generation in den deutschen Landen gelernt, wenn auch wohl nur im Westen. Es gibt kaum einen Kunsttheoretiker seiner Generation, der ihm nichts verdankt.

Seine Arbeitskraft war seinem Talent adäquat: Beide schienen grenzenlos. Seine große Schwitters-Biographie von 1967 ist konkurrenzlos geblieben, wie überhaupt seine Bücher - unter anderem über Tápies, Léger, Chillida, Bissier, Paul Klee - eine kleine Bibliothek einnehmen.

Als Schmalenbach 1962 Hannover verließ, verstanden die Interessenten die Kunstwelt nicht mehr. Dass er als Direktor einer neu gegründeten Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen etwas Besonderes liefern würde, wäre jedoch vorauszusehen gewesen. Er erwies sich auch als hervorragender Sammler und mehr als das, Spurensucher nach wichtigen, noch im Privatbesitz befindlichen Kunstwerken. Bald übertraf seine moderne Sammlung alle Erwartungen.

Im Großen wie geschildert, aber auch im Kleinen - etwa als Jurymitglied, Eröffnungsredner, Katalogverfasser oder Berater eines internationalen Kunstauktionshauses - hat der Schweizer Staatsbürger sich um das deutsche Kunstleben wie kein Zweiter verdient gemacht. Heute wird er achtzige Jahre alt. Seinen Rat brauchen wir noch immer - und vielleicht mehr denn je.

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