Werner Spies zum 80. : Paris, ein Fest fürs Leben

Sein Leben lang ist er Vermittler zwischen Frankreich und Deutschland und einer der renommiertesten Kunsthistoriker - bis er an Wolfgang Beltracchi geriet: Werner Spies zum 80. Geburtstag.

Der Kunstexperte und Museumsmann Werner Spies, hier auf der Frankfurter Buchmesse 2011.
Der Kunstexperte und Museumsmann Werner Spies, hier auf der Frankfurter Buchmesse 2011.Foto: Arno Burgi/picture alliance / dpa

„Mein Glück“ hat er seine Autobiografie betitelt, die er vor ein paar Jahren niederschrieb, und tatsächlich lesen sich seine Lebensstationen als eine einzige Abfolge von Glück. Er war stets zur rechten Zeit am rechten Ort. Werner Spies, 1937 in Tübingen geboren und durch Nazi-Zeit und Krieg um die heile Welt der Kindheit gebracht, fand eine auf andere Weise heile Welt in Paris, wohin er 1962 ging und seither lebt. Er fand das literarische Paris, wie wir es uns heute gar nicht mehr vorstellen können, mit den Köpfen des Nouveau roman wie Robbe-Grillet, Nathalie Sarraute oder Michel Butor, mit dem knorrig abweisenden Samuel Beckett, dazu das künstlerische Paris mit dem generösen Picasso, mit Max Ernst, der ihm ein enger Freund wurde. Mit den beiden Granden hatte er Kubismus und Surrealismus als die einzigen Richtungen, die er in der Kunst des 20. Jahrhunderts gelten lässt und die er unermüdlich in Ausstellungen und Publikationen propagiert.

Werner Spies wurde 1997 Museumsdirektor im Centre Pompidou

Professor wurde er dann auch, für Kunstgeschichte an der Düsseldorfer Kunstakademie, wohin er ein Vierteljahrhundert lang zwischen 1975 und 2002 jettete. Die „FAZ“ druckt seine Artikel, die Aufsätze sind regelrechte Essays seit seinen Pariser Anfängen, die „Gesammelten Schriften zu Kunst und Literatur“ füllten schon vor knapp zehn Jahren zehn Bände.

„Mon Dieu!“, möchte man da sagen, aber das ist noch nicht alles, Spies wurde zwischendurch – 1997 – auch noch zum Direktor des Musée national d’art moderne im Centre Pompidou berufen, eine Ehre, die keinem Ausländer je zuteil ward und in seinem Falle doch jedermann selbstverständlich schien, so vermittelnd, wie er zwischen den Ländern und Kulturen wirkte. Die beste Ausstellung, die das Centre Pompidou je gezeigt hat, stammt denn auch von seiner Hand, sie hieß „Paris – Berlin“ und zeigte 1978 ein Panorama, das sich allen Besuchern als unwiederholbar ins Gedächtnis eingebrannt hat. Da war „der Werner“, wie seine zahllosen Freunde ihn nennen, knapp 40 und kannte doch alles und jeden, er zauberte – den Auftrag übernahm er kurzfristig – alles, was zu der so funkensprühenden Zeit zwischen 1918 und 1933 zu zeigen war, nach Paris.

In jungen Jahren konnte Werner Spies sogar Beckett für Hörspiele gewinnen

Legion sind die Ausstellungen, die er zu Picasso und Ernst organisierte, er hatte ja den besten Zugang zu Witwen, Erben, diskreten Galeristen; überhaupt hat seine fabelhafte Künstler-Sammlung diesbezüglich beim alten Kahnweiler begonnen, dem Händler und Vertrauten Picassos. Zu ihm gelangte er durch Michel Leiris, den bewunderten Schriftsteller und Ethnologen. Doch wie man Türen öffnet, muss Spies bereits im Erbgut gehabt haben. Nur so konnte er auch den unnahbaren Beckett gewinnen; alle anderen, mit denen er in seinen frühen Pariser Jahren vor allem Sendungen, ja ganze Hörspiele für den – damals in jeder Hinsicht generösen – Süddeutschen Rundfunk machte, kamen gewissermaßen von selbst, weil sie das Interesse des jungen Spies spürten, mehr zu erfahren und das Erfahrene zu vermitteln. Aber auch, das verschweigt Spies nicht, weil er mit Rundfunkgeldern Aufträge vergeben konnte. Eine Idealkombination.

Zerstörte Reputation: Spies fiel auf den Fälscher Beltracchi herein

„Mein Glück“ als Titel der Lebenserinnerungen ist also keine Aufschneiderei. Und doch ist es aus Trotz gewählt. Trotz gegen das Schicksal, das ihn, den Unfehlbaren, Vielgesuchten, den Kenner par excellence ausgerechnet einem gewieften Fälscher zutrieb, Wolfgang Beltracchi, der ihn dann richtig verlud und seine Reputation zerstörte. Fast. Der Kunstmarkt ist eben nicht nur Kennerschaft, sondern auch ein windiges Geschäft. Spies macht keinen Hehl aus seiner Fehlbarkeit, aus diesem einen Fleck, der ein strahlendes Lebensglück denn doch nicht verdunkeln konnte.

Unzählige Kränze sind ihm zu vorangehenden Geburtstagen schon gewunden worden, alle denkbaren Ehrungen hat er sowieso empfangen, manche aus deutschen wie französischen Präsidentenhänden. Ein Glück, das genossen sein will! An diesem Samstag feiert Werner Spies seinen 80. Geburtstag.

Soeben ist von Werner Spies erschienen: Picasso zwischen Beichtstuhl und Bordell. MiniBibliothek Nr. 1. Piet Meyer Verlag, Bern/Wien 2017. 56 S. m. 16 Abb., 10 €.

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