Kultur : Werner Stötzer: Kristalline Monumentalität

Klaus Hammer

Er lässt dem Stein, was des Steines ist, und gibt dem Menschen, was des Menschen ist. Seine Hände spüren das Geistige in der Materie auf, holen es an die Oberfläche. Wenn Werner Stötzer seinen Figuren behutsame, aber deutlich ablesbare Proportionen verleiht, wenn er die stoffliche Struktur zu Tage treten lässt, das Spröde, Beharrende, Steinalte, Brüchige, Flackernde, dann verdeutlicht er den die Masse bewegenden Geist. Und er lässt dem Menschen die Figur, gibt ihm die Balance des Gewichts, die klassische Ausgewogenheit. Daher sind seine Figuren unpathetisch, keine Gebärde geht ins Aus.

"Torso", "Zigeunerin in Marzahn", "Ariadne-Stele", "Saale und Werra", "Babi Jar", "Alma Mater", "Großer Fluss", "Landschaft auf Naxos", "Kassandra", "Wegzeichen" - die Skulpturen des gebürtigen Thüringers, der lange Zeit in Ost-Berlin lebte und seit 1980 im Oderbruch ansässig ist, erscheinen in großer Ruhe und zeitloser Dauer, im lastenden Gewicht des Materials und zugleich in schwebender, flüchtiger Leichtigkeit. Walter Jens sprach von einer "Synthese von Monumentalität und Grazie". Nicht mehr die vollplastische, runde Form interessiert den Bildhauer. Er verwendet die Steine so, wie sie aus dem Bruch kommen, spürt den Flächen nach, lässt Ecken, Kanten und Schnitte stehen. Dann wieder bricht er den Stein auf, zerstört das Vorgegebene. Denn: "Zerstören ist am Stein nicht vernichten, in dieser Art zerstören liegt neu finden, abschlagen bedeutet Schichten zu erleben, Sprünge zu sehen und Grabungen zu folgen", sagt Stötzer.

Der von ihm bevorzugte Marmor ist ein durch seine Feinkörnigkeit, durch seine Struktur und Farbschattierungen auf eine stille Weise ungemein lebendiger, in seiner Sanftheit und seinem funkelnden Glanz dabei sehr edler Stein. So sind die Skulpturen mineralogischen und kristallinischen Formen verwandt, Körperspuren, die sich dem Stein aufprägen, die sich den Wachstumsformen der Natur einfügen. Sie lassen Archetypisches erkennen, verschmelzen Vorstellungen von archäologischem Relikt und formaler Neuschöpfung, von Organischem und Kristallinem, Durchformung und Raumoffenheit zu einer neuen Einheit.

Aus einem Fundstück ist die "Galionsfigur" (Sandstein, 1998) entstanden, eine Kniende mit über dem Rücken verschränkten Armen, die einer Karyatide gleicht. Die grafische Struktur auf dem Torso eines attischen Kriegers (Marmor, 1998) wird wie ein pulsierendes Kraftfeld erlebbar. Auf dem Körper der Michael-Kohlhaas-Stele (Marmor, 1998) sind mit dem Eisen scheinbar richtungslos Striche aufgetragen, sie wirken wie mit dem Pinsel getupft, wie ein sanftes Streicheln der Haut. So wie Stötzer sich selbst stets treu geblieben ist, stetig und doch wandelbar, demonstrieren seine plastischen Sinnzeichen Würde und Haltung in einer existenziell bedrohten Welt.

Gegenwärtig arbeitet er in seinem Garten in Alt-Langsow an einer monumentalen, blockhaft geschlossenen "Pietà", die vor dem neu errichteten Museum für moderne Kunst auf dem Domplatz in Würzburg Aufstellung finden wird.

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