Kultur : "Werner - Volles Rooäää!", ein "hochpolitischer Heimatfilm"

Simone Kaempf

Eine Kindheit kurz hinter Kiel? Entsetzlich. Ein Voll-Affront in ästhetischer Hinsicht: Die Dörfler reden plattdeutsch ohne Untertitel, tragen Cowboystiefel noch am Ende dieses Jahrhunderts, pflegen Bierbäuche und Barthecken, saufen, raufen, labern und furzen. Dort, wo die Bräsigkeit immer einsilbiger wird, liegt die heile Welt der Comic-Figuren Werner, Meister Röhrich, Bruder Andi, Geselle Eckat.

Diesen Werner muss man sich als einen glücklichen Menschen vorstellen: Abends eine Runde auf dem getunten Motorrad, danach mit dem Rocker Präsi ein Bier trinken gehen, ein gesicherter Job als Lehrling, wenn auch seit 18 Jahren kein Aufstieg zum Gesellen, aber jede Menge prima Werkzeug gratis für die Schrauber-Fachkraft aus Leidenschaft. Ein beschauliches Durchschnittsleben im Norddeutschen. Dann kommt es, wie es kommen muss: Donnergrollen bedroht die Idylle.

Der fiese Bauhai Günzelsen will in die Knölleruper Hafenstraße ein Shopping-Center verpflanzen. Ein Haus steht ihm im Weg - ausgerechnet das mit Werners Werkstatt und den beiden Stammkneipen drin. Die Abrissgenehmigung hat der korrupte Stadtbaurat Schmiermich noch vor der Machtübernahme der Grünen versprochen. Nicht mit Werner. Der patriotische Freiheitskämpfer leistet engagiert Widerstand und sorgt im Günzelsenschen Nachbar-Bau mit viel Katzenstreu und fäkalen Unappetitlichkeiten für Verstopfung in der Kanalisation - Einfälle gibt es, die gibt es leider doch. Zum Schluss sprengt der Überdruck den ganzen Schlamassel wie bei einer Atomexplosion in die Luft.

Werner-Vater Rötger Feldmann, 49, ist mit seinem ehrgeizlosen Comic-Helden berühmt geworden - und baute immer ambitionierter das Werner-Universum aus. Ein gutes Dutzend Comic-Bücher ist seit 1981 erschienen, eigens komponierte Filmmusiken, ein Hörspiel, die "Originool Werner Jeans Kollektion". In der Glanzzeit lockte das gerade 20 Sekunden dauernde Rennen zwischen Werner und Porsche-Fahrer Holgi 25 000 Menschen ins holsteinische Hartenholm. Der Werner-Verlag Achterbahn ist inzwischen an die Börse gegangen. Feldmann wird mit dem neuen Film noch ein bisschen reicher werden, selbst wenn die Kinosäle leer bleiben, denn die Vermarktungsmaschine ist schon heißgelaufen. Aschenbecher, Schlüsselanhänger und Müslischalen - 100 Artikel, auf denen die Knollnasen prangen. 70 Prozent des 12-Millionen-Etats sind abgesichert.

Das wirklich Überraschende an dem dritten Kinofilm "Volles Rooäää - Fäkalstau in Knöllerup" ist, dass sich in Werners Welt seit seiner Erfindung vor 18 Jahren kaum etwas verändert hat. Modern Talking haben ihre strassgespickten Gitarren eingemottet, Werner krempelt immer noch die Ärmel seines Jeanshemds hoch. Freunde kommen und gehen, Werner spielt seit einem Jahrzehnt ohne Verdruss Billard mit Herbert und Hörni. In dieser letzten Bastion wahrer Männerfreundschaft haben Frauen nicht viel verloren - es sei denn, sie schenken wie die abgehalfterte Landpomeranze Rita hinterm Tresen Bier aus oder braten wie Werners schusselige Oma Frikadellen im Stehimbiss.

Die einzige Neuerung: Ein sächselnder Nazi-Schlägertrupp taucht auf, um in Günzelsens Auftrag die Rocker aus der Hafenkneipe zu vertreiben. Das höchstrichterliche Gütesiegel "hochpolitischer Heimatfilm" wollte sich Feldmann damit selbst verleihen. Die Werner-Exegeten werden soviel Brachialhumor mal wieder als Hochkultur deuten. Doch dahin ist der Weg vom Krähwinkel hinter Kiel sehr weit, zu weit.Astra, Blauer Stern, Cinemaxxe Colosseum, Hohenschönhausen und Potsdamer Platz, CineStars Hellersdorf und Tegel, City Wedding, Filmbühne Wien, Gropius Passagen, Kinocenter Spandau, Kinowelt in den Spreehöfen, Kinowelt Friedrichshain, Kinowelt Le Prom, Kosmos, Manhattan, Marmorhaus, Provinz, Rollberg, Royal Palast, Thalia, Titania, Toni, Venus, Zoo Palast

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