Kultur : Wertezuwachs

Die Künstlerin Ayse Erkmen erfindet sich in jeder Arbeit neu

Peter Herbstreuth

Seit ihrem Berliner DAAD-Aufenthalt 1993 kümmerte sich Ayse Erkmen nie um handelbare Ware. Zwar benutzte oder entwarf sie Objekte, um Situationen oder Handlungsabläufe in Form zu bringen – wie etwa bei ihren eleganten Bänken am Bewag-Gebäude entlang der Spree oder ihre Fassadenarbeit mit türkischen Suffixen in Kreuzberg. Doch im Gegensatz zu vielen anderen Künstlern lehnt sie Wiederholungen ab, um den Modellcharakter der installierten Werke zu bewahren. Wer sie engagiert, bekommt ein Unikat – stets produziert sie Haute Couture.

Jetzt hat die Künstlerin das Register gewechselt und eine Methode von Frank Stella variiert, von dem eine Anekdote berichtet, er säße müßig am Schreibtisch, rauche Zigarre und träume Rauchkringeln hinterher. Sobald ihm eine Rauchzeichnung gefalle, gebe er einem Assistenten die Anweisung, sie in verschiedene Materialien zu transformieren. Erkmen stellte solch flüchtige Zeichnungen am Computer her und ließ sie dreidimensional von türkischen Handwerkern in reinem Silber übersetzen. Die Objekte stehen auf Transportkisten frei im Raum und sind von allen Seiten ebenso schön wie bedeutungslos. Auf einem Regal an der Wand reihte sie handgefertigte Silberschalen mit sterndurchbrochenem Ornament auf. Hier konkurriert die Wertzuschreibung zwischen Kunst- und Handwerk einerseits und Anschauung und Gebrauch andererseits. Denn selbstverständlich kann man die Schalen benutzen. In beiden Fällen geht es nicht um Skulpturen und Objekte, die etwas bedeuten wollen. Vielmehr problematisieren sie Aussagen über Bedeutungszuschreibungen und die Ökonomie der Wertschätzung von Objekten des Gebrauchs und der Anschauung. Die Einsicht, dass Dinge den Wert und Sinn annehmen, den man ihnen gibt, setzt voraus, dass sie von sich aus keinerlei Wert besitzen – es sei denn, Wert und Sinn sind durch Übereinkunft (wie beim Silber) oder durch Gebrauch (wie bei Schalen) bereits gegeben. Dann wird die formale Beschaffenheit eine Frage des kulturellen Werts. Er kann Kunst genannt werden, muss er aber nicht.

Gleiches gilt für Bilder. Im zweiten Raum zeigt Erkmen Videosequenzen, die sie an verschiedenen Orten der Welt aufgenommen hat. Den Kontrast zu diesen poetischen Beiläufigkeiten liefert sie, indem sie ein dramatisches Bild aus einer Zeitschrift zur Karikatur manipulierte. Aus dem Kontrast erhellt sich der Titel der Gesamtschau. „Müßiggang“ schließt eine Zeitempfindung jenseits des Terminkalenders ein. Diese Gestimmtheit lässt Erkmen mit latenter Didaktik aufscheinen: als Reflexion, die eine schlüssige Ausstellungsform fand.

Galerie Barbara Weiss, Zimmerstraße 88-89; bis 30. November; Dienstag bis Sonnabend 11 - 18 Uhr.

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