Kultur : "Werther in New York": Goethe goes Pop

Peter Laudenbach

Tim Staffel is back in town. Bei den Hörspieltagen in der Akademie der Künste wird seine Produktion "Stopper" vorgestellt, eine heftige Collage aus Musik, Krach und düsteren Texten. Parallel dazu hatte im Stuekke Theater in der Palisa.de sein letztes Theaterstück Premiere, "Werther in New York". Ein aparter Titel: New York, das ist modern, sexy, unkontrollierbar, brutal und von gesteigertem Trivialmythen-Appeal. Werther, das klingt nach großen Gefühlen, nach Leidenschaften, die alles bürgerliche Mittelmaß sprengen, nach der Tragik gescheiterter Liebe. "Werther in New York", das ist ein Stücktitel, der Pop und Exzess verkündet, Grenzüberschreitungen aller Art, mit Zeitgeist gesampelter Sturm und Drang.

In Staffels Werther-Dekonstruktion ist von Goethes Roman kaum mehr als die Figurenkonstellation Werther-Lotte-Albert übriggeblieben. Die Liebe ist noch immer ein verführerischer Abgrund, aber die Verwirrungen des Gefühls werden bei Staffel weit rüder und desillusionierter formuliert als in Goethes Roman-Manifest einer emphatischen Empfindsamkeit. Albert ist vom rechtschaffen beschränkten Bürger zu einem Kino-Gangster geworden. Die GoetheFigur ist, man muss es leider sagen, in die Finger eines Pulp-Fiktionärs geraten. Das ist lustig, aber der Konflikt zwischen Werther, dem romantischen Schwärmer der reinen Empfindsamkeit und dem realitätstüchtigen Spießer Albert muss so verpuffen.

Was bleibt, sind machistische Konkurrenzspiele zwischen den Herren Liebhabern. Und Werther? Er ist vor allem verwirrt: Der verzweifelt Liebende als anachronistische Witzfigur. "Ich bin das absolute Gefühl", behauptet er von sich, aber das ist leider nichts als eine absolut narzisstische Phrase. Was Staffel mit dem klassischen Stoff unternimmt, ist eine apokalyptische Entromantisierung, also ziemlich genau das Gegenteil einer früheren Werther-Aktualisierung, von Plenzdorfs hippiehafte "Leiden des jungen W.". Weil das reine Gefühl nicht abendfüllend ist und weil es im Poptheater immer um Kinomythen - also um Sex und Gewalt - geht, wird im Stück eine Bank überfallen, was scheinbar gar nicht so schwer ist: "Ganz einfach, rein und raus", eine Formulierung, die die beiden Menschheitsthemen Gewalt und Sex recht elegant zu amalgieren weiß.

Leider hatte sich der Stuekke-Regisseur Uwe Rohbeck nicht weiter für den kaputten, ironischen Pop-Appeal von Staffels Stück interessiert. Rohbeck will nicht den kurzen, schmutzigen Pop-Reißer, er will große Kunst machen. Das geht natürlich schief. Seine fünf Darsteller (Lisa Adler, Astrid Färber, Franz Frickel, Antje Lindemann, Heiko Senst) verlieren sich in manierierten Posen, in abgezirkelten, eingefrorenen Bewegungen. Sie entwickeln weder Leidenschaft noch die trashige Parodie der großen Gefühle. Sie ersticken im engen Korsett lebloser Kunstfiguren, die in ihren zeitlos weißen Spitzenkostümen, mit Melone und Karnevalsmaske (Werther), mit Revolver und androgynem Gangster-Look (Albert) wirken, wie zufällig aus dem Fundus heraus gepurzelte Theaterfiguren.

"Kannst du überhaupt etwas", fragt jemand. "Ich ficke sehr gut", antwortet eine der beiden Frauen, die leicht verstörte Zoe. Das freut uns für sie und ihre Liebhaber, aber der verkrampften Trivialität der Inszenierung kann auch dieser sachdienliche Hinweis nicht zu einem entscheidenden Lustgewinn verhelfen.

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