Kultur : Werwölfe, bitte melden!

Gob Squads Performance „Me and the Monster“ im Volksbühnen-Prater

Jan Oberländer

Wie ordentlich bist du? Wie magst du dein Steak? Wie reagierst du, wenn du nachts einen Einbrecher hörst? Und vor allem: Wovor hast du Angst? In „Me the Monster“ will das deutsch-englische Performancekollektiv Gob Squad „der Angst ein Gesicht geben“. Also müssen die Zuschauer noch im Foyer der Praterbühne einen Fragebogen ausfüllen, der sie einem von sechs Monstertypen zuordnet. Aliens bitte links Platz nehmen, Zombies in der Mitte.

Im Saal sitzt man dann in einer mit Wohnzimmerfototapeten beklebten Rundumkulisse, hinter der die Performer den ganzen Abend über nicht hervorkommen. Sie kommunizieren hinter Fensterscheiben und per frontaler Videoprojektion, manchmal schaut ein Kopf über den Fassadenrand (nur einmal kommt ein Totenkopfmonster herein, erschrickt und flieht). Das Publikum sitzt im Guckkasten, immer wieder ist der Saal live auf der großen Leinwand zu sehen. Ein Blick in den Spiegel: Alle Werwölfe bitte mal die Hand heben. Thank you.

Zombies, so lernt man gleich am Anfang, sind freundlich und gesellig. Aliens sind Grübelmonster und immer einen Schritt voraus. Und Frankensteins Monster sind, na logisch, komplexe Persönlichkeiten. Geister wiederum lieben das „unsichtbare Theater“, und überhaupt alles, bei dem man nicht weiß, „ob es Kunst oder Leben ist“. Genau auf dieser Grenze bewegen sich auch die beiden letzten Gob-Squad-Produktionen, das Affenmaskentheater „King Kong Club“ und das Casting-Stück „Prater Saga 3“ ( zum letzen Mal am 7.6. und 7.7. ).

„Me the Monster“ präsentiert sich als Trainingsprogramm zur „Reintegration“ seines Monsterpublikums in die echte Welt. Nachdem die Türen geschlossen sind, regnet es weiße Zuckermäuse. Als Belohnung fürs Mitmachen und als Verweis auf das Theater als Versuchslabor. Gob Squad sind charmante Gastgeber, der Abend ist streckenweise sehr unterhaltsam. Beeindruckend Sarah Thoms Aufzählung von Alltagsärgerlichkeiten, die sich zu einer wahrhaft werwölfischen Wut- und Heulorgie steigert. Toll auch die Videoeinspielung (von Robert Shaw), in der Berit Stumpf als anschmiegsamer Zombie am Alex Passanten umarmt, bis es zum Ringkampf kommt. Und wenn Sean Patten als Sozial-Alien das „Dreieck des Grüßens“ erklärt („Hallo! Na? Wie geht’s?“) und mit dem Publikum den richtigen Gesichtsausdruck beim Ich-liebe-dich-Sagen übt, dann zeigt das nicht nur die Konstruiertheit sozialer Normen, sondern ist vor allem: hochkomisch.

In ihrer Abfolge wirkt die Inszenierung allerdings wie ein wild zusammengeflicktes Frankenstein-Monster, das zuckt, aber nicht läuft. Da wird mit Kunstblut geschmoddert, da spricht Johanna Freiburg als Bildschirmgeist über das Irre in uns, da wird das Publikum mit seinen Ängsten bekannt gemacht: „mit 45 einen unausgelebten Kinderwunsch zu haben“. „Arbeitslosigkeit“. „Wodka“. 24 Zuschauer hätten Einsamkeit als Hauptangst angegeben, berichten Simon Will und Bastian Trost mit Forschermiene und halten ein Rühr(!)gerät in die Schüssel mit den Fragebögen.

Okay, man ist mit seinen Ängsten nicht allein, thank you. Leider bleibt das Stück hier stehen. Weil es die Angst, die sein Thema ist, nicht wirklich ernst nimmt. Die Monstermetaphorik ist zu poppig, als dass sie einen wirklich berühren würde. Und als dann noch das Mitmachtheater zum Mutmachtheater wird, als den Zuschauern am Ende „viel Glück“ gewünscht wird in der Welt da draußen, dann ist das zu diffus und zu ironisch, um pointiert zu sein. Übrig bleibt Entertainment im B-Film-Stil.

Wieder am 9., 10., 24. Juni sowie am 5. Juli, jeweils 19 Uhr

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