WES ANDERSONS BRÜDERFILM„Darjeeling Limited“ : Zug nach Irgendwo

Christiane Peitz

Der perfekte Film zum Start des 68er-Jubiläumsjahrs. Nicht dass die Welt vor 40 Jahren tatsächlich so bonbonbunt ausgesehen hätte und es zwischen ihren Bewohnen so psychedelisch abgedreht und trotzdem cool zugegangen wäre. Aber wo, wenn nicht im Kino, darf man die Vergangenheit auch mal für verrückt erklären.

Wes Anderson, spätestens seit den „Royal Tenenbaums“ Experte für Familienclinch und andere Katastrophen, schickt die Brüder Jack, Peter und Francis (Jason Schwartzman, Adrien Brody, Owen Wilson, Foto, v. l.) im Zug durch Indien. Was für Brüder! Francis hofft als seelisch lädiertes, mit Pflastern und Kopfbandagen verziertes Unfallopfer auf Erleuchtung und hat den spirituellen Trip organisiert. Peter steckt nach dem Tod des Vaters in der Krise wegen der Aussicht, selbst bald Vater zu werden. Und Schwartzman, der auch am Drehbuch mitschrieb, spielt Jack, den Möchtegern-Schriftsteller auf der Suche nach Erzählstoff.

Und was für ein Zug! Anderson schickt das Trio in einem altmodischen Traumgefährt auf die Reise, mit Traumfrauen, Traum-Deko und Sixties-Sound, jeder Wagon eine chaotische Wunderhöhle voller Schönheit und Anarchie. Selbst die Koffer der Jungs (von Louis-Vuitton-Designer Marc Jacobs), die sie nach jeder desaströsen Station beim Aufspringen auf den davonfahrenden Zug hinter sich her zerren, sind mit Dschungeltieren verziert. Die Landschaft ist auch nicht ohne: Gedreht wurde in der Wüstenregion Rajasthan: Ziegen, Paläste, alte Pracht, neue Armut – ein fantastisches Ambiente.

Oft sind Andersons Filme so gaga, dass einem das Lachen vergeht. Aber diesmal hat er die Komik mit Melancholie abgeschmeckt. Weniger Charge, mehr Charme! Und Empathie: Als die Brüder in eine echte indische Familientragödie geraten, ist Schluss mit Kindergeburtstag. Und wie in jeder anständigen Familie dreht sich alles ums Essen: Suppe für alle im Speisewagen, wenn man einander nicht Schmerzmittel und lustige Drogen verabreicht. Bis Mama für Ordnung sorgt. Mama ist Klostervorsteherin in einem Bergdorf und niemand Geringeres als Anjelica Huston! Köstlich, wie sie ihre Sprösslinge zur Schlafenszeit ins Bett schickt und schon am Vorabend das vitaminreiche Frühstück ordert. Man möchte auf der Stelle wieder Kind sein. Psychedelisch-skurriler Indientrip.Christiane Peitz

„Darjeeling Limited“, USA 2007, 105 Min., R: Wes Anderson, D: Adrien Brody, Anjelica Huston, Owen Wilson, Jason Schwartzman, als Gast: Bill Murray

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