West-Eastern Divan Orchestra : „Wir wollen unseren Geist öffnen“

Vor dem Konzert in der Waldbühne am Sonntag Abend: eine Begegnung mit Musikern des West-Eastern Divan Orchestra.

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Daniel Barenboim mit dem West-Eastern Divan Orchestra in der Waldbühne.
Daniel Barenboim mit dem West-Eastern Divan Orchestra in der Waldbühne.Foto: Kai Heimberg/Semmel Concerts

Sie kommen aus Syrien, Jordanien, Marokko, Israel und den palästinensischen Autonomiegebieten, deren umstrittener staatlicher Status heute den Kern des Nahostkonflikts ausmacht. Doch wenn sie auf dem Podium des Kulturzentrums Luzern, im Salzburger Festspielhaus oder auch der Berliner Waldbühne sitzen, dann ist von den Problemen dieser krisengeschüttelten Region nichts zu spüren – dann gibt es nur noch Beethoven, Strauss und Wagner.

Das West-Eastern Divan Orchestra scheint also ein ganz normales, hochqualifiziertes Jugendorchester zu sein – und ist es doch auch wieder nicht. Allein schon seine Zusammensetzung zu gleichen Teilen aus israelischen und arabischen Musikern zeigt, dass hier ein Forum der Begegnung und des Dialogs angestrebt wird. Kompositionsaufträge etwa an die Israelin Chaya Czernowin oder den Syrer Kareem Roustum untermauerten das ebenso wie der viel beachtete Auftritt im palästinensischen Ramallah oder das Friedenskonzert an der nordkoreanischen Grenze.

Dass das Orchester jungen Talenten gerade dort, wo nicht nur die Musik Mangelware ist, wertvolle Entwicklungschancen bietet, ist bei so vielen Paukenschlägen fast nur ein kleines, leises Pizzicato. Mitbegründer und Chefdirigent Daniel Barenboim hat für junge Bewerber ein offenes Ohr: „Ich ging einfach zu ihm hin, nach einem Konzert in Jerusalem“, erzählt Yardem Saardi, „und fragte ihn, ob ich im Orchester mitspielen könnte. Er fand mich noch ein bisschen jung – aber im nächsten Jahr war ich dabei.“

Brückenschlag gegen die Teilung

Der aus Nazareth stammende Palästinenser mit israelischem Pass war damals elf Jahre alt, normalerweise liegen Ein- und Austrittsalter im „Divan“ bei 14 und 25 Jahren. Sechs Jahre später war der junge Geiger Konzertmeister. Darüber hinaus ist der mittlerweile 20-Jährige ein leidenschaftlicher Kammermusiker. Derzeit studiert er an der neuen Barenboim-Said-Akademie bei Mihaela Martin.

Dass er als Palästinenser im Orchester mit Israelis zusammenspielt, war weder für ihn noch für sein Umfeld jemals ein Problem: „Ich glaube, dass viele Leute gut fanden, dass ich in das Orchester ging, weil hier ein Brückenschlag gegen die Teilung versucht wird. Das geschieht natürlich nicht nur durch Musik. Es ist ganz allgemein etwas sehr Gutes, und meine Freunde finden es gut. Es bringt mehr Verständnis.“

Yamen Saadi
Yamen SaadiFoto: Peter Adamik

Seit zwei Jahren studiert auch Miri Saadon an der Akademie, deren Namen auch eines Barenboim-Mitstreiters gedenkt, nämlich des 2003 verstorbenen amerikanisch-palästinensischen Literaturwissenschaftlers Edward Said. Die 30-jährige Israelin traf Barenboim in Mailand, wo sie gerade ihren Masters of Music als Bassklarinettistin machte.

„Er war damals Musikdirektor der Scala und lud mich für den nächsten Tag zum Vorspielen ein, in der Pause seiner Aufführung“, erzählt sie. Glücklicherweise dirigierte er gerade eine Wagner-Oper mit jeweils 40 Minuten Pause zwischen den Akten – und Miri wurde Mitglied beim „Divan“.

"Wir leben nicht in einer Blase"

Auch sie empfindet die Arbeit dort als weitgehend problemloses Miteinander, bei dem die Nationalität der Musiker überhaupt keine Rolle spielt: „Wenn du eine Person findest, mit der die Chemie stimmt, dann ist es nicht wichtig, ob sie aus dem Iran kommt, aus Israel oder aus der Türkei. Das ist Zufall. Wir sind alle Menschen, wir wollen dieselben Dinge, alle dasselbe, wir machen alle Musik, die über die Sprache hinaus verbindet.“

Miri und Yamen verstehen sich in erster Linie als Musiker, reden „nicht so viel“ über Politik. Mit den Alltagsproblemen in einer westeuropäischen Metropole sind sie beschäftigt genug. Doch was in ihrem Land passiert, interessiert sie durchaus. „Wir sind sehr daran beteiligt, unsere Familien leben dort und unsere Freunde“, sagt Miri. „Wir leben nicht in einer Blase. Was wir hier schaffen, kann ein Modell für jedermann sein. Dabei verbinden wir uns auf der rein menschlichen Ebene.“

Miri Saadon
Miri SaadonFoto: Peter Adamik

Die Ausbildung an der Akademie sieht sie in gewissem Sinne als Fortsetzung der Orchesterarbeit. Sehr interessiert sie die Kombination von Musik- und Geisteswissenschaften. Philosophie, Geschichte und Literatur werden im Unterricht mit dem Ziel behandelt, „unseren Geist zu öffnen für verschiedene Arten zu denken und verschiedene Wege, sich dem anzunähern, zuzuhören und fähig zu werden das auszudrücken, was wir selbst sagen wollen.“ Eigentlich passiert beim Musikmachen ja nichts anderes.

Die Kombination des Studiums mit den Orchestertourneen kommentieren die jungen Musiker mit einem Lächeln – „jetzt sind ja Ferien“. So wird nach einer anstrengenden Südamerika-Tournee am Sonntag ein ganz normales Orchester in der Waldbühne spielen – nur vielleicht mit einer besonderen Begeisterung.

Waldbühne, 13. August, 19 Uhr, Einlass 17 Uhr, 21 – 75 Euro, Programm: Mikhail Glinka: Ouvertüre aus der Oper „Ruslan und Ljudmila“, Dmitri Schostakowitsch: Klavierkonzert Nr. 1 c-moll op. 35, Pjotr Tschaikowsky: 5. Sinfonie. Weitere Informationen: www.west-eastern-divan.org

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