Kultur : West-Virginia!

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Diedrich Diederichsen über Baulärm und psychologische Kriegsführung

Die Baustelle verursacht alle möglichen radikalen Sounderfahrungen. Beim Passieren von Baustellen machten große Komponisten des 20. Jahrhunderts ihre Entdeckungen über Formen und Gestalten des Lärms, des Geräuschs und begannen, den Spieß umzudrehen. Man ist von den Geräuschen einer Baustelle nicht mehr gestört, wenn man in Betracht ziehen kann, sie selber zu produzieren, ja zu komponieren. Und da wir uns mittlerweile angewöhnt haben, auch outriertesten Lärm im Einklang mit dem guten alten Hörideal des mitkomponierenden Nachvollziehens zu hören, kann uns keine noch so violente Baustellenkonstellation, nicht des tiefsten Tiefbaus oder des höchsten Hochbaus, wirklich nerven. Nur erschüttern kann sie noch, allein wegen der Vibrationen.

Etwas anderes ist es, wenn wir auf einer solchen Baustelle wohnen. Weil unser Haus renoviert wird oder das daneben. Diese Baustelle ist nicht mehr ein Konzert, in das wir uns hineinbegeben, im Rhythmus großstädtischer Bewegung, und das wir jederzeit wieder verlassen können. Dieses Konzert umgibt uns dichter und unnachgiebiger als eine mehrtägige Herrmann-Nitsch-Aktion vermöchte, und – besonders krass – es lässt uns ganz und gar über die Abfolge seiner Darbietungen im Unklaren. Durch jedes andere Konzert hilft uns ja das Programm, wenn es mal öde wird, nicht aber durch unser tägliches Pochen, Klopfen und Kreissägen. Nie sind Anfang oder Ende absehbar: die unmöglichen Ziele improvisierender Musik, absolute Unvorhersehbarkeit, totale Vermeidung von Klischees – hier sind sie errreicht worden.

Tatsächlich ist das auch ganz schön. Denn ebenso oft, wie es zur Unzeit anfängt, im falschen Moment zum Crescendo ansetzt, ebenso oft hält das Konzert unvermutet inne. Die verstummte Kreissäge macht plötzlich Platz für ein zartes Scharren, das uns bis dahin entgangen war und auf das wir nie aufmerkam geworden wären, wenn es nicht so plötzlich in den Mittelpunkt der akustischen Arena gedrängt worden wäre: durch die überraschende Abwesenheit eines vorher sehr anwesenden, sehr raumfüllenden Reizes.

Schlimm ist etwas anderes. Es ist das liebevoll mit Plastikfolie gegen Staub und Nässe geschützte Radio, das meist am frühen Morgen eingeschaltet wird und absolut vorhersehbar auf den Sender getunet ist, der nichts sendet als die dreißig bekanntesten, schlechtesten Pop-Songs der Geschichte: „In the Air Tonight“, „Moonlight Shadow“, „Sweet Dreams Are Made of This“, „Sledgehammer“, „Lemon Tree“, „Forever Young“, „Fernando“ und dann ist fast schon wieder Zeit für „In The Air...“. Ach, Halt, „Morning Has Broken“ von dem gewaltverherrlichenden Radikalislamisten Cat Stevens will noch zärtlich gezwitschert werden.

Diese sich mit unbeirrter Lautstärke und krakeelender Sangesfreude über die Vielfalt des Baulärms legende Eintönigkeit der Melodie, das ist der wahre, an Körperverletzung grenzende Terror. Das ist die berühmte Kriegsführung, mit der US-Militärs Noriega durch Springsteen-Songs zur Strecke gebracht haben. Das Schlimme sind nicht die Songs, die freilich alle die schlimmsten sind: Selbst die Stimme von Phil Collins könnte man zwischen zwei Kreissägefortissimi wie ein weiteres penetrantes, aber interessantes Geräusch goutieren. Es ist die Bekanntheit der Songs, das Bis-ins-Detail-Wissen, was kommt. Vertrautheit mit etwas, das man nicht mag, erzwungene Nähe mit etwas Ekligem: So fühlt sich Vergiftung an. Zumal man bei jeder neuen Wiederholung merkt, wie sich die schon beim letzten Mal unerträgliche Vertrautheit nochmals steigert. Und wie man nicht umhin kann, noch ein weiteres Detail des nicht vorhandenen Korns auf den Stimmbändern des ehemaligen Genesis-Schlagzeugers zu kennen und wiederzuerkennen.

Dagegen hilft übrigens nur, eigene Musik laut zu spielen, die dem von den Melodien übertönten Baulärm ähnelt, aber erkennbar von Musikern kommt, also Ambient der ersten Generation: etwa Fripp/Eno, „No Pussyfooting“. Oder aber man gibt auf. Man hört auf sich zu wehren und gibt sich hin, wird völlig pervers und weidet sich an der Empfindung, dass „Country Home“ von John Denver eigentlich gar nicht so schlecht ist. „West-Virginia“! Genau. Vor allem, wenn diese amerikanische Heimatliebe sich mit all der unerschrockenen Selbstsicherheit des leicht rammdösigen Truckers, für den sie gedacht ist, mühelos und dummfrech über das gigantische Gewälze einer der größten Zementmischmaschinen der westlichen Zivilisation hinwegsetzt. Nur weil der Ghetto-Blaster eben sehr laut gedreht ist und im Hinterhof unschlagbar hämisch wiederhallt. „Take me home, where I belong.“ Ja, in das Innere dieser Zementmischtrommel, bitte!

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