Kultur : Western aus der Westentasche

Eine Theaterfassung von John Steinbecks Roman „Früchte des Zorns“ hatte im Maxim Gorki Theater Berlin Premiere. Theaterfassung und Regie: Armin Petras. Der Abend ließ viel Raum für Fantasie. Zum Beispiel diese:

Eigentlich wollte der Lehrer Theaterregisseur werden, aber daraus ist nichts geworden und jetzt sitzt er also vor der Klasse auf dem Pult, lässt die Beine baumeln und schaut unter seiner Wollmütze begeistert in die weniger begeisterten Gesichter der Schüler. Er ist Leiter des Wahlpflichtfaches Theater. Aber was heißt Leiter? Er sieht sich als Motivator. Er holt die Schüler dort ab, wo sie sitzen (beziehungsweise hängen: kaugummikauend in den Stühlen) und zeigt ihnen, dass sie noch etwas empfinden, was nicht kompliziert oder ambivalent oder äh-ich-weiß-nicht, sondern verdammt noch mal einfach und klar und kraftvoll ist.

„Also Leute.“ Er hält ein Buch in die Höhe. „John Steinbeck. Früchte des Zorns. Hat’s jemand gelesen?“ Schweigen. „Ich kann euch verstehen. Das Buch ist nicht nur dick. Es ist auch langweilig. Wir machen’s aber trotzdem und zwar ... hey, hat jemand John Steinbeck gegoogelt?“

Eine Hand hebt sich. „Hat den Literaturnobelpreis bekommen und sich mit den amerikanischen Wanderarbeitern solidarisiert. Stand immer auf der Seite der Armen. Es geht in dem Buch um eine Familie, die wegen einem Sandsturm ihr Haus verlassen muss und nach Kalifornien zieht, um dort zu arbeiten.“

„Genau. Familie Joad, die (er versucht den Genitiv so lässig wie möglich einzuschmuggeln) unter anderem wegen eines Sandsturms, aber vor allem wegen der Wirtschaftskrise Anfang der Dreißiger Jahre aus Oklahoma in den Westen zieht. Aber statt Arbeit zu finden und sich ein neues Haus zu bauen, werden sie ausgebeutet und misshandelt und als Oakies beschimpft. Als sie ins Gelobte Land kommen. Es gibt nämlich einen Bezug zur Bibel.“ Ein weibliches Wesen tut ihm den Gefallen und hebt den Arm.

„Und wie soll man ein Fünfhundert-Seiten-Buch auf die Bühne bringen?“

„Wir fangen einfach von hinten an.“ Er schaut mit einem Blick, den er für gewitzt hält. „Hey, ihr denkt noch immer Theater ist etwas Fernes, Heiliges. Aber das ist es nicht. Alles ist hier und jetzt. Wirtschaftskrise. Eine Reise von Ost nach West. Und was fällt euch zum Wort Oakies ein?“

„Ossis“, sagt jemand, von dem er es nicht erwartet hätte.

„Genau.“ Also Hier! Und Jetzt? Was fällt euch ein, wenn ihr an Amerika denkt?“

„Popcorn.“

„Countrymusik.“

„Cops. Cops mit Ray-Ban-Brillen, die mit Taschenlampen in Autos leuchten.“

„Super. Da haben wir schon mal Kostüme und Requisiten.“

„Was? Diese Klischees?“

„Klar“, sagte er zu dem erstaunten Mädchen in der letzten Reihe, das er noch nie gesehen hat. „Das gelobte Land Kalifornien ist für die Joads eine Projektion. Und Amerika eine für uns. Nur die Bilder in unseren Köpfen aus den Amerika-Filmen sind real.“

„Wir könnten eine Videowand installieren“, schlägt einer vor.

Na also. Die Schlafmützen wachen auf.

„Und davor?“

„Eine Straße. Äh, es geht doch um eine Reise, oder?“

„Eine Straße. Gut. Was noch?“ Er schaut in die Gesichter. Ratlosigkeit, Langeweile, aber, ja, auch: Neugier. „Etwas fehlt. Ein Bild, das das Ganze zusammenfasst. Wie wäre es, wenn wir die Straße hinten anheben? So entsteht eine Schräge, auf der die Figuren permanent abrutschen. Was sage ich immer?"

Es kommt wie aus einem Mund.

„Warum kompliziert, wenn’s simpel geht.“

„Genau. Warum eine komplizierte Handlung nacherzählen, wenn zwei Bilder reichen. Eines für Hoffnung, eines für Vergeblichkeit. Die Schauspieler singen Countrylieder und tanzen zusammen, schlittern dann aber die Schräge runter und landen im Dreck. Immer wieder.“

„Darf ich Gitarre spielen?“, fragt der, den er ohnehin darum bitten wollte.

„Moment mal.“ Das Mädchen aus der letzten Reihe ist so erregt, dass es aufgestanden ist. „Wollen Sie uns verarschen? Was hat das alles eigentlich mit John Steinbeck zu tun?“

Sie steht da, empört, wütend bis in die letzte Faser. Er lächelt nachsichtig. Zorn. Die süße, die nach all den Jahren noch immer süße Frucht seiner Arbeit. Bevor er antworten kann, klingelt es zur Pause.

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