Kultur : Western aus der Wirklichkeit

Der Berlinale-Sieger im Kino: Michael Winterbottoms Flüchtlingsdrama „In this World“

Christian Schröder

Peshawar, das ist ein Ort, den wir in den letzten zwei Jahren oft gesehen haben. Das Menschengewimmel in den Basargassen, die weißen Moscheen mit ihren spitzen Minaretten, die majestätisch in der Ferne aufragenden Bergketten tauchten eine Zeit lang fast so häufig in den Fernsehnachrichten auf wie das Weiße Haus oder die Auffahrt am Berliner Kanzleramt. Peshawar liegt in Pakistan, doch die Berge gehören schon zu Afghanistan. Irgendwo dort wird das Versteck von Osama Bin Laden vermutet. Von dort kommt der Terror, vor dem wir uns fürchten.

„In this World“, der Film von Michael Winterbottom, beginnt mit Bildern aus Peshawar, die nicht so oft in den Nachrichten vorkommen. Außerhalb der Stadt entstand in den letzten 25 Jahren ein Flüchtlingslager, in dem inzwischen mehr als 60000 Menschen leben. Die ersten Flüchtlinge kamen nach dem Einmarsch der Sowjets in Afghanistan, die letzten, als der amerikanische „Krieg gegen den Terror“ mit Bomben auf den Hindukusch anfing. Jede Familie, die in dem Lager eintrifft, erzählt eine Stimme aus dem Off, „erhält ein Zelt, eine Plastikplane, drei Decken und einen Ofen“. Wer jung ist und hier aufwächst, hat einen Traum: einen besseren Ort zum Altwerden zu finden. Enayatullah macht sich auf den Weg. „Er soll eine gute Zukunft haben“, sagen seine Verwandten beim Abschied. Der junge Afghane will nach London, an der Kilburn High Road betreiben Leute aus seinem Stamm ein Café. Aber Enayatullah kann kein Englisch, deshalb hat der Familienrat beschlossen, dass sein kleiner Neffe Jamal mitgehen soll, der irgendwo ein paar Brocken aufgeschnappt hat. Als sie zum Bus schlendern, der sie aus ihrem Lager wegbringen wird, lachen Enayatullah und Jamal übermütig. Da wirkt die Reise, die sie in eine andere Welt und in ein neues Leben führen soll, noch wie ein Spiel.

Es gibt derzeit so etwas wie eine kleine Flüchtlingsfilmwelle in den deutschen Kinos. „Lichter“, Hans-Christian Schmids seit zwei Monaten laufender Episodenfilm, erzählt vom kleinen Grenzverkehr in Frankfurt an der Oder. „Dirty Pretty Things“ von Stephan Frears und „Lilja 4-ever“ von Lukas Moodyson, die im Winter starten, handeln von jungen Migranten in England und auf dem Weg nach Schweden. „In this World“, bei der diesjährigen Berlinale zu Recht mit dem Goldenen Bären dekoriert, ist das radikalste dieser Dramen aus der globalisierten Gegenwart. Er zeigt die Strapazen, aber auch die Schönheit einer Reise, die entlang der alten Seidenstraße über 4500 Kilometer von Pakistan aus über den Iran und die Türkei, durchs Mittelmeer, Italien und Frankreich bis auf den Straßenmarkt an der Kilburn High Road führt. In 150 Tagen um den halben Globus, von der Dritten in die Erste Welt: Winterbottoms Politdrama ist auch ein atemberaubend spannender, fast Jules-Verne-artiger Abenteuerfilm. In einigen Szenen, etwa dann, wenn Jamal und Enayatullah die goldgelb glühende, endlos weite zentraliranische Wüste durchqueren, fühlt man sich sogar an einen Western erinnert.

Die Idee zu dem Film hatte Winterbottom, als vor drei Jahren 58 chinesische Einwanderer beim Versuch, nach England zu gelangen, in einem Containerlastwagen erstickt waren. Der Schock war damals groß, inzwischen hat man sich in Europa an Meldungen über Migranten, die auf Schiffen, in Containern oder Grenzflüssen sterben, beinahe schon gewöhnt. „Unser Anliegen war es, die Zuschauer über die Situation der Immigranten, die hier leben, zum Nachdenken zu bringen“, sagt Winterbottom. „Zu sagen: ,Wir wollen sie hier nicht, schickt sie zurück’ ist eine zutiefst unmenschliche Reaktion.“ Im November 2001– nur zwei Monate nach dem 11. September war das nicht ungefährlich – flogen der britische Regisseur und sein Drehbuchautor Tony Grisoni nach Peshawar, um den Film vorzubereiten. Jamal fanden sie auf einer Sprachenschule, Enayatullah an einem HiFi-Stand auf dem Basar. Gedreht wurde Anfang 2002 mit kleinem Team und auf Mini-DV-Material. Es gab nur ein grobes Konzept, die Darsteller improvisierten ihre Dialoge. So entstand ein Film, der die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit einreißt: „In this World“ folgt einer Spielfilmdramaturgie und ist gleichzeitig das Dokument einer Reise, die tatsächlich stattfand.

Seinen schrecklichen Höhepunkt hat der Film, als Jamal und Enayatullah in Istanbul zusammen mit ein paar anderen Flüchtlingen in ein Containerschiff verfrachtet werden. Als sich die Tür schließt, wird es schwarz auf der Leinwand. Einen Moment lang hat man als Zuschauer das Gefühl, mitgefangen zu sein in dem stählernen Sarg. Ein anderer Regisseur hätte die klaustrophobische Szene weiter ausgespielt, der Lakoniker Winterbottom („I Want You“, Welcome to Sarajevo“) macht einen Schnitt, blendet das Insert „Vierzig Stunden später“ ein und zeigt das Schiff bei seiner Ankunft in Triest. Nur zwei Passagiere haben die Fahrt überlebt, die Leichen der anderen werden von Hafenarbeitern wie Mehlsäcke weggeschafft.

Unberührt wird niemand diesen Film verlassen. Winterbottom vermeidet jedes Pathos und erzielt damit umso größere Wirkung. Zuspitzungen braucht „In this World“ nicht, seine Dynamik entwickelt das Road-Movie aus dem Vorgang des Reisens: Jamal und Enayatullah fahren in Bussen, auf LKWs und Pick-Up-Trucks, manchmal laufen sie tagelang zu Fuß, und wenn sie sich beim Warten auf das nächste Auto, das nächste Schiff, den nächsten Schlepper langweilen, erzählt Jamal einen seiner seltsamen Witze. Bei Drehbeginn war Jamal Udin Torabi, der Hauptdarsteller mit dem wunderbaren Kleiner-Junge-Lachen, 14 Jahre alt. Pakistan hatte er nie verlassen. Nachdem er von London nach Peshawar zurückgeflogen worden war, machte er sich noch einmal auf den Weg, diesmal nicht mehr als Darsteller, sondern tatsächlich illegal. Er lebt jetzt in London. Sein Asylantrag wurde abgelehnt, spätestens einen Tag vor seinem 18. Geburstag muss er Großbritannien verlassen.

Filmkunst 66, Filmtheater am Friedrichshain, OmU im Babylon und im Central

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