Kultur : Western von gestern

Da hat er sich verschätzt: Generalmusikdirektor Christian Thielemann gibt auf – was wird nun aus der Deutschen Oper Berlin?

Frederik Hanssen

Jürgen Schitthelm, der Direktor der Schaubühne, hat das Dilemma auf eine nüchterne Formel gebracht: Weil in den vergangenen 40 Jahren jeder Konflikt im Kulturbetrieb stets durch Gehaltserhöhungen entschärft wurde, können sich gewerkschaftlich organisierte Künstler andere Problemlösungsstrategien gar nicht mehr vorstellen. Schitthelm weiß, wovon er spricht: Er ist seit 1979 Berliner Landesvorsitzender des Deutschen Bühnenvereins, also des Arbeitgebergremiums der staatlich geförderten Theater. In diesem System ist der Fall Christian Thielemann die allerletzte Zuckung: Western von gestern.

Kurz nach Mitternacht, zur Geisterstunde, war es am Dienstag aktenkundig: Der Generalmusikdirektor der Deutschen Oper Berlin verlässt das Haus, dem er sich bis 2007 vertraglich verpflichtet hat, vorzeitig zum Ende der Saison. Weil Kultursenator Thomas Flierl nicht in der Lage war, Thielemanns Forderung zu erfüllen, nämlich die Musikergehälter an der Bismarckstraße denen der Staatskapelle von Daniel Barenboim anzugleichen. Im Tagesspiegel-Interview hatte der Maestro in der vergangenen Woche seinem Dienstherren ein Ultimatum gestellt: Liege bis Montag die Summe nicht auf dem Tisch, werde er seine Zelte in Berlin abbrechen. Doch nur die Hälfte der geforderten 1,6 Millionen Euro pro Jahr konnte Flierl Thielemann bei dem mehrstündigen Termin anbieten. Zu wenig, befand der Künstler.

High noon in der Hauptstadt: Die Deutsche Oper steht nun schutz- und führungslos da. Weil Thielemann in dieser Spielzeit bereits alle Dirigierverpflichtungen absolviert hat, muss das Haus ab sofort ohne Musikchef auskommen.

Damit ist er Opfer seiner eigenen Strategie geworden. In den fetten Jahren der Bundesrepublik war es gängige Praxis, dass ein Generalmusikdirektor bei jeder Vertragsunterzeichnung oder -verlängerung durch sanftes Drohen mit seinem Weggang einen Aufschlag für seine Musiker herausholte. Zum Beispiel in Form einer „Medienzulage“, mit der pauschal TV- und Radioauftritte des Orchesters abgegolten wurden. In der Deutschen Oper wurde dieses Extrageld viele Jahre lang gezahlt, auch als die Musiker längst von der Mattscheibe verschwunden waren, weil ihr Haus nicht mehr in der Spitzenliga mitspielte. Bei der hauptstädtischen Konkurrenz löste diese lukrative Nebenabrede umso mehr Neid aus.

Schon kurz nach der Wende reklamierte auch das Berliner Sinfonie-Orchester (BSO) vom Konzerthaus am Gendarmenmarkt so eine Medienzulage für sich. Die Einzigen, denen es jedoch gelang, in den Genuss der Extravergütung zu kommen, waren die Musiker der Staatsoper Unter den Linden. Daniel Barenboim hatte im November 2000 1,6 Millionen Euro per anno beim Bundeskanzler persönlich locker gemacht – pikanterweise genau in jenem Moment, als bei der Deutschen Oper die Medienzulage gestrichen wurde. Anstatt das Gleichgewicht zwischen den großen Opernhäusern in Ost und West herzustellen, stiftete die Schrödersche Morgengabe neuen Zwist.

Man kann bedauern, dass im deutschen Klassik-Business die Kunst letztlich immer nach Geld geht, dass gefragte Solisten geradezu reflexartig ihre Posten verlassen, wenn sie irgendwo anders ein paar hundert Euro mehr im Monat verdienen können. Christian Thielemann hat das akzeptiert und darum alles versucht, seine Musiker auf Augenhöhe mit denen der Staatsoper zu bringen. Er hat bei Bund, Land und potenziellen Sponsoren die Klinken geputzt, obwohl ihm das wahrlich nicht leicht fällt. Dabei hat er eins übersehen: dass sich die Zeiten geändert haben. Durch die Gründung der Opernstiftung befindet sich die Deutsche Oper mit den anderen beiden Musiktheatern der Stadt in einem geschlossenen Geldkreislauf. Forderungen von einer Seite führen dadurch automatisch zum Kannibalismus. Solidarität wird aufgekündigt, die Künstler zerfleischen sich gegenseitig, während die Finanzpolitiker lächelnd vom Rand der Arena zuschauen.

Vor zehn Tagen hat der Chefdirigent des BSO, Eliahu Inbal, die Zuschüsse des Landes an die Rundfunkorchester und -chöre GmbH als „unmoralisch und ungesetzlich“ bezeichnet und Berlin vorgeworfen, seine städtischen Orchester, also auch das BSO, zu vernachlässigen. Thielemann stößt in dasselbe Horn, wenn er im Tagesspiegel mit Blick auf die Staatskapelle erklärt: „Die werden gewollt und geliebt – und wir nicht.“

Aber liegt denn die Wurzel des Übels wirklich allein in der ungleichen Bezahlung? Gibt es keinen zweiten Weg? Den schmalen Grad der Motivation beispielsweise. Simon Rattle hat bei der Spielplan-Pressekonferenz der Berliner Philharmoniker erklärt, die Zeiten des grenzenlosen Dirigenten-Jetsets seien vorbei: weltweit gefragte Maestri entschlössen sich immer häufiger dazu, sich auf eine Institution zu konzentrieren. James Levine kümmert sich um die New Yorker Metropolitan Opera, Riccardo Muti versteht sich als Patriarch des Teatro alla Scala in Mailand. Stefan Soltez füllt am Essener Aalto-Theater sogar parallel die Funktion des Intendanten und des Chefdirigenten aus – mit beeindruckenden künstlerischen Ergebnissen. Als fürsorglicher Hausherr ist Christian Thielemann an der Deutschen Oper dagegen nie wahrgenommen worden, selbst nach dem Rauswurf des Intendanten Udo Zimmermann nicht. Zwar betont er stets, unbemerkt von den Medien häufig in der Bismarckstraße gearbeitet zu haben – doch er ist einfach nicht der Typ des pater familias, den so ein Riesenbetrieb wohl unabdingbar braucht.

Dass der Mensch Christian Thielemann ein Einzelkämpfer ist, erwies sich als fatal: War er nicht da, lief das Haus weitgehend auf Autopilot, man hangelte sich von Abend zu Abend, mit Kapellmeistern und Gesangssolisten, die das künstlerische Betriebsbüro nach Maßgabe des vorhandenen Etats zusammengesucht hatte. Daniel Barenboim, Claudio Abbado oder Simon Rattle dagegen unterhalten globale Netzwerke, umgeben sich mit Künstlerfreunden und Assistenten, die den vom Chef gelegten roten Faden auch während dessen Abwesenheit weiterspinnen können. Christian Thielemann dagegen musste nach jeder Rückkehr wieder bei null anfangen. Das hat ihn wohl letztlich zermürbt, ihm die Lust genommen, weiter für jenes Opernhaus zu kämpfen, das er stets als künstlerische Heimat betrachtet hat.

Ruhig und ohne Streit, wie zwei Ehepartner, die zu der Überzeugung gelangt sind, dass es einfach zusammen nicht mehr weiter geht, seien Thielmann und Flierl in der Nacht zu Dienstag auseinander gegangen, erklärte Till Janczukowicz, der Manager des Dirigenten, gestern dem Tagesspiegel.

Dem Kultursenator kann man in dieser Sache keinen Vorwurf machen, weil sich im Jahr 2004 jedwede Etataufstockungen von selbst verbieten – wohl aber seinem Vorgänger Christoph Stölzl: Der CDU- Mann schließlich hatte mit dem Dirigenten einen Vertrag ausgehandelt, der gerade einmal 20 Auftritte pro Saison vorsieht, viel zu wenig in stürmischen Zeiten wie diesen.

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