Kultur : Westwärts der Blick

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Von Sybill Mahlke

Arnold Schönberg, so wird überliefert, hat an die Vorherrschaft der deutschen Musik geglaubt. Wenn nun das Musikwissenschaftliche Seminar der FU zusammen mit der York University Toronto eine Tagung unter dem Doppeltitel „Deutsche Leitkultur Musik / Geschichte und Musikgeschichte nach 1945“ veranstaltet, steht die Komplexität des Themas außer Frage. Andererseits fasst Manfred Pfister, Dekan des Fachbereichs Philosophie und Geisteswissenschaften, das Problem bezwingend ins Bild. Welches Eisen könnte heißer sein als die Vorstellung einer deutschen Leitkultur! Albrecht Riethmüller eröffnet einen Kongress über die so genannte Stunde Null: die bis heute omnipräsente Zäsur. In einem scheinbar so unpolitischen Bereich wie der Musik sieht Anselm Gerhard (Bern) den deutschen Nationalismus kaum angetastet. Die Diskussion macht sich am überkommenen Repertoire fest: Ob Furtwängler Tschaikowsky mochte. Joachim Kaiser meint: Ja, er mochte ihn.

„Wir jungen jüdischen Künstler“ heißt ein berühmter Vortrag Arnold Schönbergs, in dem er 1935 sagt: „Wir dürfen niemals vergessen, dass wir Gottes auserwähltes Volk sind.“ Horst Weber (Essen) differenziert „Leitkulturen des Exils“, auch mit Blick auf die Emigranten als Bindeglieder zwischen Zeiten und Welten: „Die deutsche Musik konnte überleben, weil sie nicht nur deutsch war.“ Damit bekommt der Begriff „Leitkultur“ in seiner demagogischen Tendenz ein Fragezeichen. Anregend auch Riethmüllers Bemerkung, die DDR habe auf dem Gebiet der Musik eher geglückte Remigrationen erlebt als Westdeutschland und Österreich.

Der dreitägige Kongress versteht sich als Fortsetzung einer Konferenz über „Music and Nazism“, die 1999 in Toronto vorausging. Im Planungsteam vertritt Michael H. Kater die dortige Universität, Riethmüller Berlins FU. Das „heiße Eisen“ indes bleibt zunächst draußen, wenn sich die Professoren im Dahlemer Harnack-Haus dem Innenleben des Elfenbeinturms zuneigen.

Wer sich von der Gesprächsrunde „Zeitzeugen“ politische Aufklärung erwartet hat, wird enttäuscht: Ulrich Dibelius und Rudolf Stephan erinnern an die Aufbruchstimmung der Münchner „Musica viva“-Konzerte und der Darmstädter Ferienkurse sowie an die Unkenntnis der Nachkriegsgeneration in Sachen Wiener Schule. Aber das Publikum interessiert sich mehr für die Frage nach personellen Verquickungen, danach, wie Nazis als Musikwissenschaftler und Journalisten an ihrer Karriere weiterstricken konnten. „Unerquicklich“, heißt es vom Podium. Ludwig Finscher (Wolfenbüttel, Heidelberg) glückt es schließlich, mit einem ungewöhnlichen Fazit zu überraschen: „Ich habe mich gut unterhalten und hoffe, dass auch Sie . . .“

Mit der Demontage einer Kultfigur der Neuen Musik wendet sich das Blatt. Unter der Rubrik „Entnazifizierung“ setzt das Fallbeispiel Hans Rosbaud die Hörer in Erstaunen. Joan Evens (Toronto) und Boris von Haken (Frankfurt / Main) haben untersucht, dass der bewunderte Uraufführungsdirigent der Schönberg-Oper „Moses und Aron“ seine Karriere vor 1945 der Germanisierung der militärisch besetzten Stadt Straßburg gewidmet hat. Das schloss Reichspropaganda mi ein, wie sie Rosbaud offenbar schon früh betrieb. Das hieß, am Frankfurter Rundfunk eine eigene Ouvertüre zu dirigieren, in der die Melodie „SA marschiert“ eine Rolle spielte. Als GMD in Straßburg führte er angepasste zeitgenössische Musik auf, Pfitzner und eine Märchenoper von Bresgen.

Da Rosbaud nach dem Krieg zunächst als politisch unverfänglich galt, bewarb er sich um hohe Ämter in Stuttgart. Bis die Spruchkammer ihn von der Kategorie White B herunterstufte auf Grey acceptable (die schwarze Liste bedeutete Berufsverbot): „Als Grauer findet er seinen prominenten Platz im Musikleben.“

Dagegen klingt „Entnazifizierung an der Kölner Musikhochschule“ wie eine interne Angelegenheit. Was Michael Custodis (Berlin) dazu recherchiert hat, ist so kurios wie wahrscheinlich typisch deutsch: „Hakenkreuzverdienste“ eines entnazifizierten Professors (Hermann Unger) pflastern den Weg zum privat ausgehändigten Bundesverdienstkreuz. Der Antisemit Walter Abendroth, der sich über das „Opernjudentum“ auf das Schlimmste verbreitet hat, durfte seine Überzeugungen als Feuilletonchef der „Zeit“ weitertragen. Obwohl Kaiser, der Abendroth noch kannte, ihn als verbitterten alten Mann schildert, bleibt für die jüngere Generation die Frage: Warum erhält ein solcher Mann dieses Amt? Friedrich Geiger (Dresden) bringt Zeugnisse, die das Problem weiter verrätseln: Warum erhält Abendroth auch noch einen „Persilschein“ – „Gegner des Hitler-Regimes“ – von Boris Blacher?

„Westwärts schweift der Blick: ostwärts streicht das Schiff“: Ein Wagner-Zitat, mit dem Frank Schneider (Berlin) seinen Blick auf die „Neue Musik im Zeichen der Nachkriegspolitik“ beschließt. Es geht um die dramatischen Konflikte, die der Kalte Krieg der Ideologien auslöst. Adorno („Gegängelte Musik“) übersieht den Dialog zwischen Kunst und Gesellschaft, Eisler kritisiert entsprechend. Die schöpferischen Spielräume sind eingegrenzt. „Gebrochene Lebensläufe“, „Schmerzerfahrungen“ – der Referent sieht die menschliche Seite der Politik. Mit der Auflistung von Themen in der Musikgeschichtsschreibung ab 1948, die Glenn Stanley (Connecticut) vorlegt, geht es wie mit den meisten Statistiken: Man erfährt, was man ohnehin ahnte oder wusste. Die Musik vor 1600 und „Bach for ever“ werden untersucht, zeitgenössische „Schlüsselthemen“ fehlen. Reinhold Brinkmann hält dagegen, dass die Situation eine wesentliche Erneuerung der Bach-Forschung erbracht habe.

Riethmüller schließt den Vorhang, da die Erörterungen „neuer Impulse“ immer komplizierter erscheinen: „Auch ein Stalinist kann ein gutes Buch schreiben.“ Was nach den vielen Stunden bleibt, ist die Erkenntnis, dass die Standpunkte der Generationen unterschiedlich ausfallen. Salonmarxismus, Antikommunismus, Polarisierung bleiben unausgeführte Stichworte. Eigenes Erleben der älteren Zeitzeugen und junger Wissensdurst prallen aufeinander. Die Tagung, der so viele Kriterienraster fehlen, unterstreicht, was Priorität hat: einander zuzuhören.

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