Kultur : Westwärts

Kulturhauptstadt 2010: Essen schlägt Görlitz

Christina Tilmann

Es sind eindrucksvolle Großarchitekturen, die alten Zechengebäude, Förderbänder und Kokereien des Ruhrgebiets: rostige Überbleibsel einer vergangenen Wirtschaftsepoche, ein Untergang in Melancholie – und ein Aufbruch dazu. Die Ruhr-Triennale hat die Zechen als perfekte Bühnenbilder genutzt, Konzertveranstalter und Gastronomen schätzen den Rahmen, Freizeitsportler üben sich an Hochöfen als Kletterwänden.

Strukturwandel ist ein Hauptargument, mit dem Essen als Aushängeschild des Ruhrgebiets in die Bewerbung zur europäischen Kulturhauptstadt 2010 ging und sich nun gegen die Konkurrentin Görlitz durchgesetzt hat. Ein Strukturwandel allerdings, der weitgehend abgeschlossen ist: Schon die Internationale Bauausstellung Emscherpark hat die ehemaligen Zechengelände erschlossen, die Essener „Zeche Zollverein“, der Duisburger „Landschaftspark Nord“ sind längst funktionierende Ensembles. Hier werden vorangegangene Anstrengungen belohnt.

Görlitz hingegen wäre eine Entscheidung für die Zukunft gewesen. Und die liegt für die EU nicht im Westen, sondern im Osten, an der Grenze zu den neuen Mitgliedsländern. Zwar stellt neben Deutschland auch Ungarn 2010 eine Kulturhauptstadt, die traditionsreiche Universitätsstadt Pécs, ehemals Fünfkirchen, im Süden des Landes. Doch die Nachbarschaft des seit dem Zweiten Weltkrieg geteilten Görlitz zum polnischen Zcorzelec wäre von großer Symbolkraft gewesen – und Werbung dazu. Zu wenige Westtouristen haben bislang die unzerstörte und perfekt restaurierte Mittelalterpracht des alten Görlitz besucht – und noch weniger den doch so einfachen Schritt über die Fußgängerbrücke gewagt, um jenseits der Neiße ein lebendiges, wenn auch mit seinen Plattenbauten nicht unbedingt schönes Polen zu entdecken.

Alter Westen also gegen jungen Osten? Ein verspäteter Abwehrreflex gegen die Osterweiterung? Indes: Noch eine dritte Stadt ist für 2010 prämiert, eine (noch) außereuropäische. Zur Wahl standen Kiew und Istanbul, gewonnen hat Istanbul. Ost oder West? Die Ukraine, politisch immer wieder in der Diskussion, hat sich längst nach Westen orientiert. Und der EU-Beitrittskandidat Türkei bildet eine wertvolle Brücke in den Orient. Das multikonfessionelle Istanbul und die Geschichte der Gastarbeiter, die aus der Türkei ins Ruhrgebiet kamen – mit dem so wichtigen Thema Migration hat auch Essen gepunktet. Die Zukunft liegt nicht nur im Osten.

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