Wettbewerb : Alles wird gut

Ein Film, so offen und verletzlich wie sein Regisseur: der Wettbewerbsbeitrag „Schlafkrankheit“ von Ulrich Köhler.

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Sanft. Regisseur Ulrich Köhler.
Sanft. Regisseur Ulrich Köhler.Foto: dapd

Ja, es gab Buhs nach der Pressevorführung am Morgen, aber nur ein paar. Ja, es wurde applaudiert, aber nicht gerade heftig. Ob das Team von „Schlafkrankheit“ womöglich wegen dieses Kaum-Echos eine knappe halbe Stunde verspätet zur Pressekonferenz erscheint?

Dabei ist dort alles erst mal irgendwie gut. Frisches Händeklatschen im ordentlich gefüllten Saal, als das Podium sich füllt, überwiegend neugierige, auch in der Kritik am Film freundlich bleibende Fragen. Regisseur Ulrich Köhler, Jahrgang 1969, kann also eigentlich genauso entspannt sein, wie er sich gibt, hier auf Englisch, dort auf Französisch antwortend, fließend in beiden Sprachen. Nur im Deutschen kommen die Antworten mitunter zögernd: Das kommt vom schönen Nachdenken beim Sprechen.

Das Wichtigste: „Schlafkrankheit“ ist mindestens so autobiografisch wie Paula Markovitchs „El premio“ tags zuvor. Köhler wuchs, bis er neun war, in Zaire als Sohn von Entwicklungshelfern auf – was ein bisschen an das „Nirgendwo in Afrika“-Kinderschicksal erinnert. Und dann: zurück nach Deutschland, ins Hessische, abgerissene Erfahrung, abgerissene Erinnerung an die Zweitheimatsprache namens Kituba. Erst in den Achtzigern besuchte Köhler Afrika erneut, seine Eltern arbeiteten nun in Kamerun, in exakt jener Buschklinik, in der er nun Teile von „Schlafkrankheit“ drehte.

Köhler weiß einiges über diese inzwischen seltene Krankheit, er weiß auch allerhand über Entwicklungshilfe, aber der Titel ist ihm vielmehr Metapher, das Sujet nur der Seelenort, von dem aus sich Entfremdung erkunden lässt. Die Komplexität der expats habe er erforschen wollen, dieser Auswanderer auf Zeit, die jobbedingt in die große, tiefe Fremde namens Afrika gehen. Nein, er sagt nicht „große, tiefe Fremde“, dazu ist ihm der Kontinent trotz gewachsener Ferne zu vertraut. Aber er sagt auch nicht „dort unten“ wie seine Produzentin.

Und die Geschichte von „Schlafkrankheit“ selber, ihre Risse, ihre Sprünge? Lange sei ihm unklar gewesen, wer die Hauptfigur werden sollte im zweiten Teil, der gestrandete Deutsche Ebbo oder der so ratlose Alex – und dieses vorsichtige, selbstkritische Nachspüren hat etwas zart zeitversetzt Kluges, denn die Unsicherheit steckt ja auch im fertigen Film. Unklarheiten als Absicht verkaufen, wie das die brillanten Rhetoriker so machen, das ist nicht Köhlers Ding. Und so bleibt sein Film so schön offen und verletzlich wie er selber. Jan Schulz-Ojala

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