Wettbewerb : Das Leben nach Léa

Ein Liebesfilm, wie er im Buche steht: Stephen Frears’ Colette-Verfilmung „Chéri“ mit Michelle Pfeiffer als Edelkurtisane

Christina Tilmann
Cheri
Zeitlose Liebe. Léa (Michelle Pfeiffer) und der zwanzig Jahre jüngere Chéri (Rupert Friend) sind ein Paar. -Foto: Berlinale

Die Kleider. Die Hüte. Die Frisuren. Und die Augen, die je nach Kostüm und Licht changieren. Türkis wie das Meer. Grün wie junges Laub. Golden wie Bernstein. Nein, vor allem veilchenblau.

Ein Bild ewiger Schönheit. Alter, was für ein blödes Wort. Wie unzureichend. Mag sein, dass da am Morgen Falten um die Augen sind oder doch eher eine gewisse Müdigkeit im Blick ist. Doch diese Edelkurtisane Léa de Lonval, die sich solche Sorgen darum macht zu altern, ist, wenn Michelle Pfeiffer sie spielt, einfach zeitlos schön. Nein, immer schöner mit der Zeit. Und nicht wegen ihrer Porzellanhaut, dem ranken Körper, den leuchtenden Augen. Das geheimnisvolle Strahlen, das Schönheit heißt, mag in unendlichen Schattierungen variieren. Es erlischt nie.

Wenn Stephen Frears Colettes Chéri Romane verfilmt, möchte man Michelle Pfeiffer am liebsten nie aus den Augen lassen. Jede Szene, in der sie ist, vibriert vor Emotion. Jede, in der sie nicht ist, ist verloren. Und das, obwohl Frears und sein Drehbuchautor Christopher Hampton eine wunderbare Komödie der Eitelkeiten um sie herum komponiert haben, einen Club alternder Kurtisanen, die sich beim Teetisch lustvoll die Bosheiten ins Gesicht schleudern. Da blitzen die Dialoge wie Duellklingen, jede Pointe heißt Touché. Freundinnen werden aus den einstigen Konkurrentinnen niemals mehr, in dem Gewerbe, in dem es keine Freundschaft gibt. Auch wenn sich die Damen längst schon zur Ruhe gesetzt haben, wahlweise auf französischen Landhäusern oder in eleganten Pariser Jugendstilwohnungen. Da trifft man sich zu Tee und Kartenspielen, zu Klatsch und Tratsch, und die große Kunst der Selbstverleugnung will immer neu eingeübt werden unter dem wachsamen Blick der Konkurrentin. Lächle besonders leicht, wenn dir gerade das Herz bricht, heißt die Aufgabe. Und Kathy Bates hat hier ihren großen Auftritt, als intrigantes Muttertier und Ex-Kurtisane Charlotte Peloux.

Doch im Zentrum stehen, immer wieder anders, Léa und Chéri. Eine leidenschaftliche, ungewöhnliche, unwahrscheinliche Liebe, die beginnt wie eine Freundschaft, eine Mutter-Sohn-Beziehung, und auch so endet, und zwischendrin war da mal Liebe, Glück, und Leichtigkeit und Spaß, auch wenn – oder gerade weil – keiner an Dauer gedacht hat. Doch ein Machtspiel ist und bleibt die ungleiche Beziehung, Erfahrung steht gegen Jugend, und beide haben ihre Nachteile. Es ist ein raffiniertes Zusammenspiel aus gegenseitigen Abhängigkeiten, wer hält hier wen aus, wer ist der Stärkere? Dass sie sich nicht verstellen muss, ist für Léa, die Meisterin der Verstellung, das größte Glück, und dafür schenkt sie, aus vollen Herzen, das Größte, was sie hat: sich selbst.

Denn nicht, dass dieser Chéri, den Rupert Friend als dunkellockigen, nicht unbedingt tiefgründigen Weichling gibt, so ein toller Typ gewesen wäre: Er ist das verdorbene, verwöhnte Söhnchen einer Kurtisane, ohne Liebe aufgewachsen, vor dem Alter müde geworden, lebenserschöpft schon mit 19 Jahren. Ein bisschen bleibt er immer das gierige Kind, das sich bedenkenlos aushalten lässt und sich immer die größte Perle aus der Kette wünscht und das meiste Geld und natürlich auch die schönste Frau. Ein Zyniker, ein frecher Schlacks, und nur wegen seiner unverschämten jugendlichen Schönheit straflos unwiderstehlich. Nicht immer muss der Geliebte auch der Beste sein, und Liebe heißt, dass man auch einen Hallodri wirklich lieben kann, auch davon erzählt dieser Film. Und davon, dass man erst weiß, was man hatte, wenn man es verliert. Vorbei, ein böses Wort.

Eine große, zeitlose Liebesgeschichte im prachtvollen Gewand der Zehnerjahre – und der Film hält dabei perfekt den elegant-vergifteten Ton. Niemals sentimental, niemals kitschig, niemals schwerfällig oder pathetisch, sondern von der sonoren Erzählstimme wunderbar schnoddrig hingetupft. Man lacht sehr viel, auch wenn es einer der traurigsten Filme der diesjährigen Berlinale ist. Und wieder einer, der kompromisslos eine reife, nein, eine richtige Frau ins Zentrum stellt, nach Kate Winslet und Kerry Fox, Robin Wright Penn und auf einem Nebengleis irgendwie auch Julie Delpy.

Christopher Hampton, der die Chéri-Romane bearbeitet hat, knüpft in seinem geschliffenen Drehbuch erkennbar an seinen Welterfolg „Gefährliche Liebschaften“ an, mit dem er 1989 außer Konkurrenz bei der Berlinale zu Gast war. Auch hier ein raffiniertes Duell der Liebenden, die sich tödlich verletzen, mit Worten und Taten, aus Stolz und Eigensinn, und weil Unabhängigkeit stark macht und Liebe womöglich schwach. Und am Ende sitzt Michelle Pfeiffer, wie Glenn Close damals, allein vor dem Spiegel, und der Off-Erzähler resümiert: das Ende einer Liebe. Das Ende eines Lebens. Das Ende einer Epoche.

Sechs Jahre mit jemandem zusammenzuleben, das ist, wie mit seinem Ehemann in die Kolonien gehen, sagt Léa. Man kommt fürs Leben verändert zurück.

Sechs Jahre so ein Glück, das ist viel Glück. Mehr, als die meisten Menschen kennen.

11.2., 12 und 23 Uhr (Friedrichstadt palast), 17.30 Uhr (Urania)

Wortduelle am Teetisch:

Die alternden Kurtisanen schenken sich nichts

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