Wettbewerb : Herzeleid und heimliche Aufforderung

Die dritte Ausgabe von Thomas Quasthoffs Sängerwettbewerb "Das Lied" zerstreut alle Zweifel am Zustand des Liedgesangs: Er ist hervorragend.

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Siegerehrung. Thomas Quasthoff (2.v.r.), eingerahmt von Gewinner Manuel Walser und Brigitte Fassbaender.
Siegerehrung. Thomas Quasthoff (2.v.r.), eingerahmt von Gewinner Manuel Walser und Brigitte Fassbaender.Foto. Ruth Walz

Festliche Stimmung in der Hanns-Eisler-Hochschule, Samt an der Kopfseite des Studiosaales, Blumenarrangements aus Gold und Tulpen: Zum dritten Mal findet der Wettbewerb „Das Lied – International Song Competition“ statt, den Thomas Quasthoff, der als Professor für Gesang an der Hochschule unterrichtet, hier vor einigen Jahren mithilfe dreier privater Gönner ins Leben gerufen hat – als Brückenstück zwischen Hochschul- und Konzertwesen zum Wohle dieser schönsten und anspruchsvollsten aller Gesangsgattungen. Mehr als 130 Teilnehmer – und ihre Pianisten – der Jahrgänge 1981 und jünger aus über zwanzig Ländern hatten sich beworben.

In diesem Jahr ist der Wettbewerb dem Liedschaffen von Debussy, Mahler, Ravel und Strauss gewidmet, was bedeutet, dass jedes der zugelassenen 27 Duos ein Repertoire von nicht weniger als 30 Liedern mitbringen muss. Ganz schön viel, wenn man bedenkt, dass es dabei sozusagen garantiert zur Interpretation von fremdsprachlichen Liedern kommt. Die 18 Sängerinnen und Sänger allerdings, die am Freitag als Kandidaten der zweiten Wettbewerbsrunde in den Saal schreiten, höflich sich selbst und die Begleitperson am Klavier vorstellen, in einer hoch gespannten Viertelstunde vier Lieder vortragen, den Applaus des Publikums in Empfang nehmen, derweil die Jury sich ebenso höflich zurückhält und kaum „Auf Wiedersehen“ zu ihnen sagt – sie haben zumindest mit dem Umfang des Repertoires keine Schwierigkeiten, wie überhaupt ihr Können jeden Zweifel daran vergessen lässt, dass es dem Lied schlecht gehen könnte in unserer Gegenwart. Nirgends sonst hört man so scharf abgesprochene „Nacht“-Wörter, selten empfindet man so deutlich, wie viel Sorgfalt in eine Einstudierung gesteckt worden ist. Selbst die Nicht-Muttersprachler unter den jungen Sängerinnen und Sängern singen ein makelloses Deutsch; dass ein Herzeleid manchmal nicht authentisch empfunden scheint oder die Blicke allzu niedlich werden beim Singen, dass die Kleiderordnung dem Alter der Kandidaten zum Trotz eher an die Salzburger Festspiele als an die Laufstege von „Bread and Butter“ erinnert, all das ist vielleicht Teil des Geschäfts und wächst sich andererseits bestimmt noch aus.

Immer wieder merkt man unterdessen auf, zum Beispiel weil Sänger und Pianist außerordentlich sensibel auf harmonische Eintrübungen und Aufhellungen reagieren, so bei der Französin Alice Ferriere mit Sache El Mouissi am Klavier. Oder weil die Timbres faszinierend sind, das der Mezzosopranistin Nathalie Mittelbach aus der Schweiz etwa, die ihre Stimme nur eben anzuticken scheint, schon geht sie zu üppiger Blüte auf, oder das des Amerikaners Michael Kelly, der gemeinsam mit seinem Begleiter Jonathan Ware größte Stille und Konzentration im Saal hervorzurufen weiß.

Mitten im Publikum ist eine Reihe für die siebenköpfige, ehrenamtlich tätige Jury reserviert, aus der mitunter ein helles, gut sitzendes „Ja“ in das Publikumsgeplapper in den Pausen tönt – das stammt von Thomas Quasthoff selbst, neben dem Kammersängerin Brigitte Fassbaender sitzt und die Wiener Agentin Helga Machreich-Unterzaucher, ferner John Gilhooly als Direktor der Londoner Wigmore Hall und dessen Kollege Dominique Meyer von der Staatsoper Wien. Auch der Pianist Charles Spencer ist anwesend, und dann noch Richard Stokes, der eine Professur für das Kunstlied an der Londoner Royal Academy of Music innehat. Sie alle sorgen mit dafür, dass die Auserwählten nicht nur großzügige Preisgelder erhalten – der erste Platz allein ist 30 000 Euro wert –, sie kümmern sich nach Ende des Wettbewerbs auch um einen schmiegsamen Einstieg ins Konzertgeschäft, um Auftritte in Baden-Baden oder Luzern, auf der Schubertiade in Schwarzenberg oder in der Wigmore Hall. So ist dieser Wettbewerb in manchem ein ganz großes Kaliber, quer hineingesetzt in den Betrieb an den Musikhochschulen. In anderer Hinsicht bleibt er diesem Betrieb auf altmodische Weise verhaftet: den vielen Mikrosituationen der Meister-Schüler- Konstellation, die sich auf dem Weg ins professionelle Musikerdasein eben auch ergeben, in Studiengängen und Meisterkursen, bei persönlichen Treffs und auf Wettbewerben.

Auch so ist es vielleicht zu erklären, dass von den acht Sängerinnen und Sängern, die es mit ihren Klavierbegleitern ins sonntägliche Finale schaffen, drei Quasthoff-Schüler sind, darunter der erst 23-jährige Schweizer Bariton Manuel Walser, der mit einer fabelhaften „Heimlichen Aufforderung“ von Strauss prunken kann und dessen unverfälschter Zugang im Ausdeuten bei höchster Disziplin im Artikulieren auf Quasthoffs Gabe zum Unterrichten ebenso aufmerksam macht wie auf die Tatsache, dass selbst die besten Lehrer auf sehr gute Schüler angewiesen bleiben. Walser wird den Sieg im Wettbewerb davontragen und erhält zudem den Publikumspreis, zweite wird Annelie Sophie Müller. Nathalie Mittelbach, deren Stimme wie geschaffen scheint für Mahlers Lieder, teilt sich den dritten Preis mit Sunyoung Seo, Jonathan Ware gewinnt den Pianistenpreis, Annika Gerhards den ausgelobten Förderpreis. In zwei Jahren, dies steht schon fest, wird die nächste Ausgabe des Wettbewerbs stattfinden. Christiane Tewinkel

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