Wettbewerb : Jäger, gejagt

Politische Oberfläche, poetisches Erzählen: Der Iraner Rafi Pitts zeigt "Zeit des Zorns" im Wettbewerb.

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Es fängt an wie bei Kiarostami. Ein Auto. Autos. Viele Autos. In den Filmen von Abbas Kiarostami, dem Schöpfer des filmischen Kontinents namens Iran, wird unablässig Auto gefahren. Die Zuschauer, unsichtbar die Positionen wechselnd in der Fahrgastzelle, lauschen scheinbar behäbig verlaufenden Dialogen zwischen dem Fahrer und wechselnden Beifahrern, schaukeln mit im ewigen Hin und Her auf sandigen Pisten. Und so langsam wie unaufhaltsam entsteht in all dem rollenden Stillstand das Bild eines gepeinigt unfreien Landes, gekleidet meist in eine philosophisch-poetische Parabel.

In Rafi Pitts’ „Shekarchi“ (wörtlich: „Jäger“ – der deutsche Verleih bringt den Film im April als „Zeit des Zorns“ ins Kino) gibt es keine Beifahrer. Nur den stillen Helden, der zur Jagd ins Gebirge fährt, nördlich von Teheran. Und die Tausende anderer Autos, die über die auf Stelzen geführten Stadtautobahnen jagen. Hier ist nicht mehr Schwellenlandstaub wie bei Kiarostami, sondern Betonmoderne 2009, und demnächst sind Wahlen im gepeinigt unfreien Land namens Iran.

Anders auch als der elegant die Zensur ausspielende Kiarostami sucht Pitts nicht eigentlich die politische Regimekritik (selbst wenn er auf der Berlinale in zahlreichen Interviews eminent politisch auftritt). Sondern die Poesie. In all seinen Filmen treibt ihn vor allem die Lust, präzise und schmerzhaft von der Entfremdung und Verlassenheit des modernen Menschen zu erzählen – radikale Entlastungsaktionen nicht ausgeschlossen.

Damit liegt Pitts ganz im Trend der Festivalfilme, in denen einsame Männer, bevorzugt Ex-Sträflinge, sich im Draußen zu bewähren suchen. Auch Ali (Pitts übernahm die Rolle am ersten Drehtag selbst, weil der erwählte Hauptdarsteller sechs Stunden zu spät am Set erschien) saß im Gefängnis, der Zuschauer erfährt nicht, warum. Klaglos nimmt er einen Job als Nachtwächter in einem Autowerk an, obwohl ihn das vom Alltag mit seiner geliebten Frau Sara (Mitra Hajjar) und Tochter Saba (Saba Yaghoobi) abschneidet. Dann sind Sara und Saba tot, erschossen bei einem Gefecht „zwischen Aufständischen und der Polizei“. Sagt die Polizei.

Die Dreharbeiten waren vor den iranischen Wahlen beendet, vor den Massenprotesten, deren Bilder um die Welt gingen. Aber auch ohne die Assoziation an den Tod von Neda Soltan ist „Zeit des Zorns“ hier am tiefsten bei sich. Gerade Alis Teilnahmslosigkeit rührt hier zunächst an: als er nach Stunden des Wartens auf dem Polizeirevier von der Tötung seiner Frau erfährt und, nach Tagen des Suchens, vom Tod seines Kindes. Aber weil der Jäger eine wandelnde „Zeitbombe“ ist, wie Pitts sagt, muss er handeln. Von einem über der Autobahn gelegenen Hügel aus erschießt er die Besatzung eines Streifenwagens, und der Film wechselt das Genre.

Der Jäger, der auf die kühlste Weise rot gesehen hat, wird selber zum Gejagten, und nach einer Verfolgungsjagd durchs Gebirge folgt – mit zwei zerstrittenen Polizisten, die sich mit dem gefangenen Ali im nebligen Hochwald verlaufen – der Showdown mit einer überraschenden Volte. Also: Psycho-Drama, Polit-Thematik, Thriller mit moralischem Dilemma, Kammerspiel unter, nunja, freiem Himmel. Das will immer mehr und bewirkt immer weniger zugleich.

Ja, es gibt großartige Szenen in „Zeit des Zorns“, starr arrangiert wie Tableaus. Das Ehebett in warmen Farben. Die Tochter, die die Katze füttert. Die Draufsicht auf das Auto nachts auf der Straße, in dem der entkräftete Ali eingeschlafen ist. Und doch greift die vollendete Teilnahmslosigkeit des Helden, der jeden Schlag – und es sind viele Schläge – stoisch einsteckt, fatal auf den Zuschauer über. Gewiss will der Regisseur vermitteln, dass sein Held ein innerlich Abgestorbener ist, und dies offenbar von Anfang an. Wo aber kein Leiden mehr fühlbar ist, bleibt nur das Phlegma.

Woran liegt’s? Rafi Pitts, der erstmals selber vor der Kamera steht, ist kein Schauspieler. Sein unwandelbar ernstes Gesicht ist zwar angenehm anzusehen, aber es neutralisiert auch das dramatischste Geschehen. Noch eine Enttäuschung also im Wettbewerb – gemessen an den stets hohen Erwartungen, die sich mit dem iranischen Kino verbinden.

Heute 15 Uhr (Friedrichstadtpalast)

und 20 Uhr (Urania)

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