Kultur : Wettkampf der Stellvertreter

Eine

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von Marius Meller

Erinnert sich noch jemand an die kurzweiligen Freistunden in der Grundschule, da man auf ramponierten Sechzigerjahrestühlen saß, Capri-Sonne süffelte und Quartett spielte? Beliebt war das Auto- oder auch das Bulldozer-Quartett. Man las aus einer kleinen Tabelle mit den technischen Angaben unterhalb eines Bildchens vom betreffenden Vehikel Daten wie die Pferdestärken oder die Zahl der Achsen vor. Je nachdem, wer größer, schneller, weiter trumpfen konnte, durfte die Karten einheimsen. Passend zum Kalten Krieg gab es auch martialische Quartettkarten mit Langstreckenwaffen. Man kapierte so das Prinzip Abschreckung, da die verwirrende Waffenvielfalt mit noch verwirrenderen Sprengkopfzahlen den Ernstfall sowieso absurd erscheinen ließ.

Nun gibt es endlich das Kartenspiel zur Wiederkehr der Religion: das Papst-Quartett! Die verdienstvolle Firma www.kultquartett.de, die schon durch ein Erotik-, ein Bier- und ein Dönerbuden-Quartett die Aufmerksamkeit der Quartettfreundewelt erregte, hat „Die großen Päpste von Petrus bis Benedikt XVI. auf 32 Karten“ herausgegeben. Als pietätvolle Dreingabe liegen dem Quartettspiel vier weiße Kerzen bei, „damit man beim Spielen auch gleich eine angemessene Stimmung erzeugen kann“. Die Kategorien, die dem fröhlichen Päpste-Stechen dienen sollen, sind: 1.) die Anzahl der Namensvetter 2.) die Papstnummer seit Petrus 3.) die Dienstjahre und 4.) die Kilometerzahl Geburtsort–Rom.

Der Härtetest in der Tagesspiegel-Redaktion ergab: Johannes Paul II., der selige Pole, sticht locker den Römer Pius XII. an Geburtsortkilometern. Zum Engagement Pius’ XII. in der Nazi-Zeit steht auf der Quartettkarte versöhnlich: „Konzentrierte sich während des 2. Weltkriegs auf humanitäre Hilfe für Juden und Flüchtlinge“. (Als begleitende Lektüre empfiehlt sich Rolf Hochhuths „Der Stellvertreter“.) Papst Benedikt XVI. alias Joseph Ratzinger sticht natürlich alle anderen als 265. Petrusnachfolger. Schwarze Schafe wie Clemens VIII. (1536 –1605), der den großen Philosophen Giordano Bruno auf den Scheiterhaufen brachte, ließen die Quartett-Autoren diskret weg. Auf die Kategorie „Zahl der Verbrennungen“ wurde ebenso verzichtet wie auf die der „Anzahl der Bastarde“.

Die Feuilletonchefin besiegte den Literaturredakteur beim sonntäglichen Redaktionsschluss mit 21 zu 11 Karten. Anschließend wurde fromm eine der vier kleinen Kerzen entzündet: im Gedenken an denjenigen, den all die wackeren Päpste seit 2000 Jahren auf Erden vertreten – den Joker.

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