Wettlesen : Der Wald, die Wunden und das Wünschen

Beim 35. Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt gab es viele ordentliche und formal unterschiedliche Beiträge: Leidensgeschichten aus norddeutschen und thüringischen Dörfern, Dramen über Mütter und Söhne, über Lehrer und Schüler, Kriegserzählungen und Nachrichten aus dem Clubleben. Die verdiente Siegerin ist Maja Haderlap aus Österreich.

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Heimsieg. Autorin Maja Haderlap ist Klagenfurterin. Foto: Johannes Puch
Heimsieg. Autorin Maja Haderlap ist Klagenfurterin. Foto: Johannes PuchFoto: Puch Johannes

Es war Samstagmittag, kurz nach halb zwei, als es beim 35. Ingeborg-Bachmann-Lesen in Klagenfurt in der Diskussion der Jury wenigstens einmal richtig zur Sache ging. Thomas Klupp hatte gerade als letzter der 14 Teilnehmer des Wettbewerbs seinen Text vorgetragen und dafür viel Applaus aus dem Publikum im ORF-Theater bekommen. Meike Fessmann, die als Erste aus der Jury das Wort ergriff, bezeichnete Klupps lustige Persiflage auf den Kulturwissenschaftsbetrieb folglich als „sehr witzig“. Dann aber kritisierte sie, dass der Text sich genau so prostituiere wie sein Ich-Erzähler, der an der Uni Potsdam „Inszenierungsstrategien des Expliziten in Onlineangeboten westlicher Mainstreampornografie“ erforscht, dass er so affirmativ sei, wie er sich anhöre, dass Witzigkeit und Textorganisation ihre Grenzen haben. Und schon war die Jury in einer langen, vielsagenden Diskussion verstrickt.

Wie so oft in den letzten Jahren in Klagenfurt ging es um die Frage, wie viel Humor ein Klagenfurt-Text eigentlich verträgt, ob Humor nicht eine allzu durchschaubare Überwältigungsstrategie ist. Das hatte etwas Mäkeliges. Da zeigte sich wieder einmal, wie unterschiedlich Literaturkritik und Publikum ticken: Thomas Klupp gewann den Publikumspreis. Insbesondere kam die Jury mit dem Ich-Erzähler des Textes nicht zu Rande: zu viele Brüche, genauso „ausgebufft“ wie „naiv“, ein Schelm, vielleicht auch keiner. Der Jury- Vorsitzende Burkhard Spinnen zitierte seinen Doktorvater mit dem Ausspruch, dass „Satiren auch als Utopie ex negativo funktionieren“ müssten, was diese hier nicht tue. Daniela Strigl bekannte als Universitätsmitarbeiterin, dass es im akademischen Betrieb noch schlimmer zuginge als bei Klupp. Und Hubert Winkels zeigte sich genervt, weil sein Kandidat schlecht wegkam und legte eher widerwillig dar, wie bei Klupp die Figur im Text verschwindet.

Diese Diskussion hatte Verve, hier zeigten sich die Streitlust und die Leidenschaft, die die höchst sachkundige Jury vorher leider allzu oft vermissen ließ. Mancher Text war zwar fast einstimmig durchgefallen, aber so sachlich, als ob er die Jury gar nichts anginge. Andere Texte wiederum wurden mehrheitlich wohlwollend aufgenommen, aber gleichfalls so sachlich, als würden sie sogleich in einen dicken Aktenordner geheftet. Und ab in den Schrank! All das mochte am herrlichen, schwülwarmen Kärtner Sommerwetter liegen, an den ausgiebigen Schwimmeinheiten am Wörthersee, vielleicht gar an den vielen leckeren Aperol Sprizz’, die es etwa beim traditionellen Bürgermeisterempfang im Seerestaurant Maria Loretto gab. An der Textqualität aber nicht unbedingt. Es gab zwar einige Ausfälle, aber viele ordentliche, lesbare, formal unterschiedlich gebaute, unterschiedlichste Lebenswelten abdeckende Beiträge: Leidensgeschichten aus norddeutschen und thüringischen Dörfern, Dramen über Mütter und Söhne, über Lehrer und Schüler, Kriegserzählungen, Nachrichten aus dem „Bauch“ des Clublebens und unserem Freizeit- und Wellnessknast. Allerdings war kein Text dabei, der qualitativ haushoch überlegen war, kein hundertprozentiger Siegertext. Das dokumentierte die Abstimmung am Sonntagnachmittag: Vier Durchgänge benötigte die Jury, um zwischen Maja Haderlap, die den mit 25 000 Euro dotierten Ingeborg-Bachmannpreis schließlich verdient gewann, Steffen Popp sowie Leif Randt den Sieger zu ermitteln. Genau so viele brauchte sie für den Gewinner des mit 10 000 Euro dotierten Kelag-Preises, Steffen Popp.

Kleinigkeiten entschieden, persönliche Vorlieben, eine Verliebtheit in Texte, die Burkhard Spinnen am ersten Tag bei seinem unterschwelligen Dauerdisput mit Hubert Winkels mit dem Verliebtsein im richtigen Leben verglich. Ehe man sich versieht, ist man jahrzehntelang verheiratet – und ehe man sich versieht, mag man einen Text, dem sechs Jury-Kollegen durch die Bank literarische Schwächen nachweisen. Auch so geht Literaturkritik. Winkels musste diese Erfahrung mit der 27-Jährigen Antonia Baum machen, Burkhard Spinnen mit der 28-Jährigen Anna Maria Praßler

Überraschend und tatsächlich überzeugend aber waren Auftritt und Text der 1961 geborenen Maja Haderlap. Die Klagenfurterin ist in der deutschen wie slowenischen Sprache zu Hause, sie war früher Herausgeberin der in Österreich produzierten slowenischen Literaturzeitschrift „Mladje“ und arbeitet unter anderem als Übersetzerin aus dem Slowenischen ins Deutsche. Haderlap las einen Auszug ihres am heutigen Montag erscheinenden Romans „Engel des Vergessens“, eine schön ruhige, gemächliche, den Leser aber sofort mitnehmende, intelligent gebaute Geschichte aus dem kärtnerisch-slowenischen Grenzland. Sie handelt von den Schrecken des Krieges, vom Partisanenkampf gegen die deutsch-österreichische Besatzung. Dabei dient der Wald als Großmetapher, als Schutz- und Angstraum.

Überzeugen konnte auch Nina Bußmanns makellose, viel in der Schwebe lassende, aber unspektakuläre Erzählung über einen pensionierten Lehrer, der sich an ruppige, möglicherweise erotische, möglicherweise nur väterlich-beschützende Händel mit einem Schüler erinnert. Bußmann gewann den mit 7500 Euro dotierten 3-Sat-Preis. Sprachlich viel interessanter war Steffen Popps bewusst unfertige Rekonstruktion der (Verfalls-)Geschichte eines Dorfes im Thüringer Wald. Ein dichter, rhythmisch sicherer, fast short-cuts-artiger, seine Virtuosität vielleicht eine Idee zu sehr ausstellender Text. Noch interessanter und konsequent spielte Leif Randts unterschwellig grausamer, Bret-Easton-Ellis-hafter Report aus dem Leben der „Obstkorbkinder“ in einer fiktiven Wohlfühl-Enklave namens Coby County sein Sujet durch. Randts Erzähler, der als Agent für junge Literatur arbeitet, hat einen merkwürdig distanzierten, gleichgültigen, gelangweilten, angedeutet ironischen Ton, er hat, so drückte es Hubert Winkels sehr schön aus, „alle Höhen und Tiefen wegoperiert“. Randt beschreibt das sichere, gelangweilte Leben einer Generation, die weiß, dass die Phase der Romanzen, Trennungen und Strandparties nie mehr aufhört, „denn Erwachsenwerden ist ein ewiger Prozess“.

Natürlich kamen gleich wieder Einwände, dass dieser Text nur „pure Oberfläche“ sei (Hildegard Keller), ihm sein ontologischer Kern fehle (Paul Jandl), er sich nur im Selbstbedienungsladen der Generationenromane bediene (Meike Fessmann). Immerhin schaffte es die Jury, Leif Randt noch den vierten Preis zuzuschanzen, den mit 7000 Euro dotierten Ernst-Willner-Preis. Vielleicht waren es Sätze wie diese, die sie doch für ihn einnahmen: „In der internationalen Presse kursiert seit Jahren die Ansicht, dass die Texte aus Coby County stilistisch zwar perfekt seien, dass ihnen jedoch der Bezug zur existentiellen Not fehle.“ Daniela Strigl, die die lebhafteste, launigste und lockerste Jurorin war, sah darin einen hübschen Verweis auf die Literatur, die von den Bändern des Deutschen Literaturinstituts rollt und sich mit genau demselben Vorwurf herumschlagen muss.

Doch passt dieser Satz genauso gut auf diesen 35. Klagenfurter Wettbewerb. Man hatte nur selten das Gefühl, dass auf den Autoren wirklich viel Druck lag, diesen einen Text unbedingt schreiben und vorlesen zu müssen. Dass ihre Erzählungen aus einer inneren Notwendigkeit geschrieben worden waren – es muss ja nicht gleich eine existentielle sein. Randt oder Klupp verstehen es, diesen Vorwurf gleich mit zu thematisieren. Aber warum Nina Bußmann ausgerechnet eine Schüler-Lehrer-Geschichte erzählte, ließ sich nicht heraushören. Oder warum der bisher als Krimiautor erfolgreiche Linus Reichlin eine (freilich nicht schlechte) Erzählung über einen Soldaten im Afghanistankrieg vortrug, eine die von Schuld und realer Todeserfahrung handelt. Da stach tatsächlich die junge Antonia Baum heraus. Bei ihr musste etwas heraus, da war Feuer drin, so stilistisch unausgegoren und unfertig ihr Text letztendlich ist. Und natürlich Maja Haderlap, die das im Fernsehporträt vor ihrer Lesung schon ankündigte. Ihre Erzählung sei autobiografisch inspiriert, sagte sie da. Und die deutsche Sprache habe sie in diesem Fall gewählt, weil sie so mehr Distanz zu dem geschilderten Geschehen aufbauen konnte.

Insofern ist Reife der neue Trend in Klagenfurt. Erfahrungsvorsprung schlägt Jugend. Nach dem 1954 geborenen Peter Wawerzinek, der letztes Jahr wirklich etwas zu erzählen hatte als Rabenmuttersohn, folgt nun die 50-jährige Maja Haderlap. Die Baums, Randts und Klupps, die Twenty- und Thirtysomethings, wiewohl sie einiges zu erzählen haben und das oft schon sehr gekonnt, müssen sich gedulden. Können sich aber damit schmücken, die wenigen heftigen, am kontroversesten geführteten Diskussionen in der Jury ausgelöst zu haben. Dass da bloß kein Generationsproblem auf den nun ja auch schon in die Jahre gekommenen Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb zukommt!

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