Kultur : Wettrüsten der Liebe

Adam Thirlwell macht Lust auf junge englische Literatur. Jetzt erscheint sein gefeiertes Debüt „Strategie“ auf Deutsch

Christoph Amend

Was ist von einem Roman zu halten, in dem zunächst auf 15 Seiten in aller, aller Ausführlichkeit eine Sexszene geschildert wird und der Ich-Erzähler dann kommentiert: „Das hier ist zu weit gegangen. Ich sehe das ein… In diesem Buch geht es nicht um Sex. Nein. Es geht um Integrität, Anstand und Güte. In dieser Geschichte geht es um freundliches Entgegenkommen. Wenn meine Figuren in diesem Buch Sex haben, dann wie alles, was sie tun, aus moralischen Erwägungen.“ Man schmunzelt, ist leicht verwirrt, fragt sich, wer denn dieser Erzähler ist. Dann, eine Seite später, verschwindet das Schmunzeln: „Am Ende dieser Geschichte wird eine der Figuren an einem Gehirntumor sterben. Wären die Dinge doch so einfach, wie sie aussehen. Würden Ereignisse doch ohne Vorgeschichte geschehen.“

Adam Thirlwell, Jahrgang 1978, erzählt die Geschichte einer Dreierbeziehung im London von heute. Moshe und Nana, die beiden Hauptdarsteller der ersten 15 Seiten, sind ein Paar, und zu ihnen stößt Anjali, die eigentlich eine gute Freundin von Moshe ist, aber eine Affäre mit Nana anfängt. Keine außergewöhnlich raffinierte Geschichte auf den ersten Blick. Es gibt allerdings Gründe, die den Roman „Strategie“ (im Original „Politics“) doch zu einem außergewöhnlichen Buch machen.

Da ist zum einen eben der namenlose Ich-Erzähler. Er drängelt sich öfter in die Geschichte rein, gibt dem Leser Tipps, was denn nun von der Handlung gerade zu halten sei – manchmal geht der Erzähler einem auch auf die Nerven. Da passiert einer der Figuren etwas Schreckliches, und das auktoriale Ich kommentiert: „Gut, ich kann mir denken, dass ihr damit nicht gerechnet habt.“ Ach nee, denkt man da und ärgert sich über den kleinen Naseweis. In den meisten Fällen aber ist es ein Vergnügen, einerseits der Handlung zu folgen und andererseits auf die Bemerkungen des Autoren-Ichs zu stoßen, der seine Figuren und ihr Denken, Reden, Lieben mit vorgetäuschter Distanz beobachtet.

Zudem sind da Thirlwells hübsche bildungsbürgerliche Einschübe. Zwischen den Szenen, die von Moshe, Nana und Anjali erzählen, streut er Geschichten ein, die zunächst scheinbar nichts mit seiner Ménage à trois zu tun haben – und am Ende doch sehr viel. So tauchen der Architekt Mies van der Rohe, der Regisseur Francois Truffaut, der Schriftsteller Milan Kundera oder die Begründer des Surrealismus auf – in Anekdoten, die wie bei einem Abendessen oder auf einer Party erzählt werden.

Vielleicht kann man sich die Atmosphäre von Thirwells Romans so am besten vorstellen: Eine Geschichte, die sich liest wie in einer Küche erzählt, auf irgendeiner Geburtstagsparty, nachts um halb eins. Man hört zu, trinkt noch ein Glas Wein und amüsiert sich. Denn dieser Adam Thirlwell ist ein guter Erzähler, seine Sätze sind kurz, seine Sprache leicht. Ein Beispiel. Er schildert eine dramatische Trennungsszene, dann wechselt er, ohne Übergang, scheinbar das Thema: „1995 sprach sich der Nobelpreisträger Sir Joseph Rotblat für einen Vertrag zwischen den Atommächten aus. Jeder Staat sollte sich verpflichten, im Falle eines kriegerischen Konfliktes nicht als Erster Atomwaffen einzusetzen… Ich weiß, dass Nana und Moshe und Anjali keine Länder mit Atomwaffen waren. Sie waren überhaupt keine Länder. Daher mag das ein wenig melodramatisch und irrelevant erscheinen. Ist es aber nicht.“ Dann vergleicht Thirwell die Beziehungskrise des Londoner Trios und deren Frage, wer von ihnen wem zuerst weh tut, mit der Erklärung des Verzichts auf einen atomaren Erstschlag.

Adam Thirlwell wurde noch vor Erscheinenen des Romans auf die „Granta’s List of best young British Novelists“ gesetzt und erhielt 2003 den „Bad Sex Award“. „Strategie“ ist noch kein Meisterwerk, dafür wiederholt Thirlwell seine Masche zu oft. Aber ihm ist ein Erstling gelungen, dessen Lektüre ein großes Vergnügen ist – wie bei einer gelungenen Party die Gespräche in der Küche.

Adam Thirlwell: Strategie. Roman. Aus dem Englischen von C. Drechsler und H. Hellmann. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2004. 319 S., 18 €.

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