Kultur : What is left? Die Zukunft

RICHARD HERZINGER

Die Linke hat in den letzten Jahren eine Reihe schwerer Kränkungen ihres theoretischen und moralischen Selbstbewußtseins hinnehmen müssen. Zuerst ging die Illusion verloren, dem Sozialismus, in welcher Form auch immer, gehöre die Zukunft, und die liberalkapitalistische Ordnung werde diesem historisch überlegenen Gesellschaftsmodell dereinst weichen müssen. Dann wurde der Mythos des linken Antifaschismus angeknackst, der auf dem Dogma der Unvergleichbarkeit rechter und linker Diktaturen beruhte. Zuletzt hat der Kosovo-Krieg die Grundprämissen des linken Antiimperialismus und Pazifismus über den Haufen geworfen.In der Summe bedeutet das den Verlust eines ganzen geschichtlichen Deutungsmusters, von dem das Denken der Linken über annähernd zwei Jahrhunderte hinweg strukturiert wurde, und auf das sich ihr moralisches Überlegenheitsgefühl stützte. Die Linke weiß jetzt, daß sie kein objektives Gesetz des Fortschritts auf ihrer Seite hat. Es mußte aber erst eine linke Koalitionsregierung an die Macht kommen, damit offenbar wurde, wie tief ihre Identitätskrise tatsächlich ist. In kürzester Zeit schwand die Hoffnung auf ein historisches "rot-grünes Reformprojekt" dahin. Die Linke muß jetzt auch noch von der Vorstellung Abschied nehmen, "die Gesellschaft" als Ganzes ließe sich überhaupt noch in eine einzige Richtung lenken.Und doch hat sie keinen Anlaß zur Resignation. Durch den schmerzhaften Prozeß des Abschiednehmens von utopischen Illusionen und dogmatischen Patentrezepten hindurchgegangen zu sein, könnte sich gegenüber der konservativen Rechten, die in Selbstgefälligkeit erstarrt ist, sogar als ein Vorteil erweisen. Dazu muß sich die Linke freilich unbedingt vor einer Trotzhaltung aus diffusen antikapitalistischen und antiwestlichen Ressentiments hüten, wie sie vor allem im Milieu der PDS gepflegt werden.Weiterhelfen kann ihr nur eine Generalrevision, die bis zu ihren historischen Anfängen zurückreicht. Im 18. Jahrhundert - als der Begriff freilich noch nicht gebräuchlich war - stand die "Linke", daß heißt: die Aufklärung mit ihren herausragendsten Vertretern wie Voltaire, Adam Smith und Kant, für Privatinitiative und Eigentum, befürwortete den freien Markt, den offenen Welthandel und glaubte an die zivilisierende Kraft des eigennützigen Gewinnstrebens. Dagegen waren restaurative Apologeten des Feudalismus wie der katholische Gegenrevolutionär Joseph de Maistre oder der romantische Staatsphilosoph Adam Müller Anhänger einer strikten staatlichen und "gemeinnützigen" Kontrolle des Wirtschaftslebens. Johann Gottlieb Fichtes nationalistisches, antiliberales Konzept vom "geschlossenen Handelsstaat" liest sich heute über weite Strecken wie eine prophetische Vision der eingemauerten, sozialistischen DDR. Die erste radikale, autoritäre Kapitalismuskritik stammt aus den Reihen der romantischen "Rechten".Im Laufe des 19. Jahrhunderts drehte sich dieses Verhältnis um. Die Linke wurde nun kollektivistisch und, mit der weitgehenden Verdrängung der libertären Strömungen aus der Arbeiterbewegung durch Lassalle und Marx, zur Propagandistin staatlicher Planwirtschaft. Dagegen schwang sich nun die Rechte zur Verteidigerin des freien Unternehmertums auf. Freilich hat sie ihre Vorbehalte gegen die freie Marktwirtschaft niemals ganz aufgegeben. Sie fanden noch im sogenannten "rheinischen Kapitalismus" Adenauers und Erhards ihren Niederschlag. Der kombinierte das Bekenntnis zur Marktwirtschaft mit der Vorstellung von einer "gegliederten", auf der Ordnungskraft traditioneller Institutionen wie Familie und Kirche basierenden Gesellschaft. Der konservative Etatismus speist sich bis heute aus der Furcht vor der Auflösung traditioneller, hierarchischer Ordnungen durch wachsende Freiheitsrechte der Individuen, die Dynamik des modernen Großstadtlebens und die freie Geldzirkulation - und aus der historischen Erinnerung daran, daß all dies einst Komponenten aufklärerischen Emanzipationsstrebens waren.Insofern ist es paradox, daß heute die Rechte das thematische Feld des Anti-Etatismus besetzt hält, während die Linke als zähe Verteidigerin staatlicher Dominanz über Wirtschaft und Gesellschaft dasteht. Gerade an ihre frühe Tradition eines freiheitlich-individualistischen Emanzipationsgedankens könnte sie heute wieder anknüpfen. Linke Politik müßte sich auf die Schaffung von stabilen Rahmenbedingungen konzentrieren, in denen sich die unterschiedlichen, oft auseinanderstrebenden gesellschaftlichen Impulse in ihrer Pluralität möglichst frei entfalten und selbsttätig miteinander ins Benehmen setzen können. Eine zeitgemäße Politik sozialer Gerechtigkeit würde bedeuten, neuen Formen wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Selbstorganisation der Bürger bessere Möglichkeiten zu eröffnen, gegen übermächtige ökonomische und staatliche Interessen zu bestehen. Dazu wäre es beispielsweise interessant zu überprüfen, inwieweit die Vorstellungen liberträrer Frühsozialisten wie Proudhon oder Fourier von einem System freiwilliger Produktionskooperativen unter den Bedingungen eines flexibilisierten, auf Eigeninitiative zielenden Wirtschaftssystem an Aktualität gewonnen haben. Produktionszusammenschlüsse mit geringem Kapitalaufwand durch Steuerpolitik und an ihre Bedürfnisse angepaßte arbeits- und sozialrechtlichen Maßnahmen gezielt zu fördern, würde freiheitlichen linken Zielsetzungen in doppelter Hinsicht entsprechen: Den Bürgern selbständige Erfahrungen mit den Anforderungen des Wirtschaftslebens ebenso zu ermöglichen wie Lernprozesse in praktischer sozialer Interaktion.Eine libertär-linke Wirtschaftspolitik müßte überdies darauf aufmerksam machen, daß ein "Neoliberalismus", der sich vor allem an den Bedürfnissen der großen Konzerne orientiert, ein Etikettenschwindel ist: Denn die Übermacht der Großunternehmen basiert nicht zuletzt auf ihrer engen Verquickung mit dem Staat und seinen Interessen. Schaffung größerer Chancengleichheit auf dem Markt statt zentral regulierter Umverteilung: auf dieser Basis könnten der liberale und der soziale Gedanke eine neue historische Verbindung eingehen.Der Grünen Partei bietet sich heute die große Chance, auf diesem Weg voranzugehen. Die heftigen, in beispielhafter (wenn auch die Grenzen zivilen Anstands zuweilen überschreitender) Offenheit ausgetragenen Auseinandersetzungen über den Kosovo-Krieg haben die Partei im Resultat gefestigt. Sie hat sich von ihren fundamentalpazifistischen Ursprüngen emanzipiert, ohne sie unreflektiert zu negieren. Sie hat damit bewiesen, daß sie gesellschaftliche Lernprozesse artikulieren kann und nicht von der Gunst einer bestimmten traditionellen, milieubestimmten Wählerklientel abhängig ist. Die Grünen sind ursprünglich das Produkt einer selbstinitiativen Bürgerbewegung und damit nicht in dem Maße an organisierte Verbands- und Interessenstrukturen gefesselt wie andere Parteien. Diese größere Flexibilität prädestiniert sie dafür, das Lebensgefühl einer zunehmend individualisierten Bürgergesellschaft anzusprechen. Wenn sie auch noch die Überreste einer romantisch-antimodernistischen Technikfeindlichkeit überwinden, könnten die Grünen zu jener Partei urbaner, leistungs- und fortschrittsorientierter Individualisten werden, die die FDP gern wäre. Es eröffnet sich ihnen jetzt die Möglichkeit, das Potential des politischen Liberalismus in sich aufzunehmen, das durch die Sklerose der ideen- und ausstrahlungslosen Freien Demokraten zu verwaisen droht.Zukunft haben die Grünen nur als eine aufgeklärt linke, liberal-libertäre Modernisierungspartei. Damit könnte sie auch reformfreudige Kräfte innerhalb der Sozialdemokratie und der Gewerkschaften ermutigen, die das von Schröder propagierte Projekt der Deregulierung und Entstaatlichung von Staat und Wirtschaft mit durchaus berechtigtem Mißtrauen betrachten. Der Verdacht liegt nahe, daß eine "Deregulierung von oben" vor allem die wirtschaftlich Mächtigen gnädig stimmen soll und auf Kosten der sozial Schwachen und Benachteiligten gehen wird. Ein linkes Deregulierungsprojekt "von unten" müßte dagegen das wachsende Selbstbewußtsein einer mündigen Bürgergesellschaft artikulieren, die ihre Geschicke zunehmend selbst in die Hand nehmen will, ohne sich dieses Recht durch permanente Vorleistungen des Verzichts auf staatliche Sicherungsmaßnahmen verdienen zu müssen.Das Ende einer linken Geschichten: mit dem Sturm auf das gekaperte Flugzeug "Landshut" in Mogadischu und dem anschließenden Mord an dem entführten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer war 1977 auch das Projekt RAF gescheitert. Schleyer im Schlafanzug auf dem Erpresservideo, die Schüsse auf dem Rollfeld und Helmut Schmidts zerknirschte Kanzlerrede vor dem Bundestag: In dem Comic "Geht doch rüber!" (Ehapa, Stuttgart 1999, 56 Seiten, 19,80 Mark) wird aus dem Polit-Thriller nun eine Sprechblasengeschichte in milden Pastelltönen. Drei deutsche Autoren und vier französische Zeichner haben sich zusammengetan, um fünf Jahrzehnte deutsch-deutscher Nachkriegshistorie als Familiengeschichte nachzuerzählen. In Gestalt des langhaarigen Neffen mit John-Lennon-Brille und des Onkels mit Brillantine-Frisur hockt der Generationenkonflikt am Wohnzimmertisch, und die Tante serviert dazu die Suppe. Die Gempels und die Schulzens - so die Namen der verschwägerten Protagonisten-Familien - haben einiges auszulöffeln: Vertreibung, Kriegsgefangenschaft, Wiederaufbau in Leipzig und Freiburg, Mauerbau, Trennung, Stasi-Spitzeleien. Entstanden ist der Band in Zusammenrbeit mit dem Haus der Geschichte Baden-Württemberg. So erläutert ein Glossar am Ende die wichttigsten Stichworte der Epoche: von den Care-Paketen zu blühenden Landschaften. (chs)

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