Whitehead-Roman "John Henry Days" : Der Pop frisst seine Kinder

US-Erfolgsschriftsteller Colson Whitehead geht dem Mythos vom schwarzen Helden auf den Grund

Maike Albath

Seltsam, dass Colson Whitehead kein DJ ist. Irgendwie hätte man den schlaksigen Afroamerikaner mit den Rastalocken und dem glucksenden Lachen eher hinter den Plattentellern eines angesagten New Yorker Clubs vermutet, als vor einem Computerbildschirm. Aber genau dort hatte sich der 34jährige Harvard-Absolvent jahrelang verschanzt. „Für die Arbeit das Haus nicht verlassen zu müssen, hat mich am Schreiben besonders gereizt. Mit neun oder zehn Jahren las ich vor allem Stephen King und Science-Fiction-Romane und dachte, es muss ein cooler Job sein, sich dieses groteske und dämliche Zeug ausdenken zu können und dabei nicht einmal vor die Tür gehen zu müssen.“ Ganz so wirklichkeitsabstinent war Colson Whitehead dann allerdings doch nicht. Bevor er 1998 sein Debüt über die kriminalistischen Abenteuer einer Fahrstuhlinspekteurin veröffentlichte, hatte der gebürtige New Yorker als Fernsehkritiker für „The Village Voice“ und verschiedene Web-Zeitungen gearbeitet. Mit den Umschlagplätzen des urbanen Pop-Lebens ist er bestens vertraut, und sein neues Buch „John Henry Days“ ist nicht nur ein eigenwilliges Porträt der amerikanischen Gesellschaft zwischen 1870 und 1996, sondern auch eine Auseinandersetzung mit dem Zeitalter des Pop.

Kein Wunder also, dass sich Colson Whitehead eine typische Legende aus den Anfängen der Nation herauspickt und ihren Erscheinungsformen auf den Grund geht. Der ehemalige Sklave John Henry verdingte sich in den Siebzigerjahren des 19. Jahrhunderts als Bohrhauer bei der Eisenbahngesellschaft C & O und war an den riskanten Tunnelbohrungen bei Talcott/West Virginia beteiligt. Wegen seiner ungeheuren Kräfte geschätzt und gefürchtet, trat John Henry eines Tages den Wettstreit mit einer neuartigen Dampfbohrmaschine an, errang den Sieg und brach tot zusammen. Belege für den Wahrheitsgehalt der Geschichte gibt es keine, aber sie ging sofort ein in die Volkskultur und wurde zum Gegenstand unzähliger Songs und Legenden. Whitehead macht die Legendenbildung zum kompositorischen Prinzip und liefert in seinem vielstimmigen Roman-Mosaik eine Art Phänomenologie des Mythos. „Als ich mit der Recherche begann, wurde mir klar, dass John Henry eine ambivalente Figur war und für jeden etwas anderes bedeutete“, erklärt Whitehead, der John Henry zum ersten Mal als Schulkind in einem Zeichentrickfilm begegnete. „Durch diese vielen verschiedenen John Henrys, diese unterschiedlichen Interpretationen derselben Geschichte, wird das Ganze zu einem sehr dynamischen Stoff.“

Rückkehr der Spesenritter

Colson Whitehead parallelisiert den Rausch der Industrialisierung, als das Transportwesen an Bedeutung gewann und in mörderischem Tempo quer über den Kontinent Eisenbahnlinien gebaut wurden, mit der Interneteuphorie der Neunzigerjahre und krönt sein Buch mit einer beißenden Mediensatire. Mit der Virtuosität eines Verwandlungskünstlers imitiert er kapitelweise den Duktus des historischen Romans und entwirft Genrebilder wie aus „Tom Sawyer“, dann folgen pynchonartige Grotesken, durchsetzt von Presseerklärungen, Briefen, dem inneren Monolog eines versoffenen Bluessängers oder an Beckett erinnernden Unterhaltungen zwischen Postangestellten. Als dramaturgische Klammer für den Geschichten-Cluster dient ein Wochenende im Sommer 1996, an dem das Städtchen Talcott ein großes John-Henry-Jubiläum samt der Präsentation einer Sonderbriefmarke feiert und eine Bande abgehalfterter Journalisten anreist, Medienjunkies der übelsten Sorte, so genannte „Spesenritter“. Über eine ironische Spiegelung lotet Whitehead die Fallhöhe des Mythos aus: der Lohnschreiber J. Sutter ist so etwas wie ein armseliger Wiedergänger John Henrys.

Colson Whitehead ist ein Anhänger des enzyklopädischen Schreibens, und nicht jeder Erzählstrang erschließt sich dem Leser. Aber es gelingt Whitehead, die Entstehung der modernen amerikanischen Gesellschaft einmal anders zu erzählen. Vor allem das Leben der schwarzen Amerikaner zwischen Unterdrückung, Anpassung und neuem bürgerlichen Selbstbewusstsein gewinnt in vielen Episoden an Prägnanz. Nebenbei liefert Whitehead einen Abriss der Musikgeschichte und entpuppt sich auch hier als ein Ethnologe des Pop: ob ein Komponist, der Stückware liefert, ein Bluessänger während einer Plattenaufnahme oder ein Musicalstar – jeder bekommt seine Geschichte. Der rebellierende Gestus, der die populäre Kultur zu Beginn oft noch auszeichnet, wird spätestens bei den Rolling Stones zur Pose. „Mit jeder neuen Aufnahmetechnik wird die Popkultur kälter, die Kommerzialisierung zerstört ihre ursprüngliche Sprengkraft, jeder treibt in seiner einsamen Popblase durch die Welt“, beschreibt der Autor diese Entwicklung.

„Der Pop hatte ihn verschlungen“ heißt es über einen Kollegen der Spesenritter, der den Bogen überspannte und schließlich zu einem autistischen Medienwrack erstarrte. Auch J. Sutter erkennt im Laufe des Wochenendes den Grad seiner Versklavung – dass er überhaupt ein Unbehagen spürt, macht ihn zu einem sympathisch altmodischen Helden. Am Ende sucht er doch nach irgendetwas, dass ihn jenseits der auf Pressepartys geschnorrten Rayban-Sonnenbrille und Calvin-Klein-Jeans ausmacht. Er trifft auf seinen eigenen John Henry. Ob das gut ausgeht, ist eine andere Frage.

Colson Whitehead liest heute Abend in der American Academy, Am Sandwerder 17–19, um 20 Uhr aus seinem Roman „John Henry Days“, übersetzt von Nikolaus Stingl, Hanser Verlag, München 2004, 528 Seiten, 24, 90 Euro (ab 14.2. im Buchhandel).

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