Kultur : Wider den närrischen Ernst - Ein Versuch über den Karnevals-Bazillus

Wolfgang Thierse

Wenn heute in Bonn am Rhein zur Weiberfasnacht die Schlipse abgeschnitten werden und die JeckenInnen feiern, soll im Bundestag in Berlin der sittliche Ernst herrschen. Parlamentspräsident Wolfgang Thierse hat auch am Rosenmontag den Bundestagsbediensteten Alltagsarbeit verordnet. Wir baten Thierse um ein Wort zur Narrenzeit.

Karneval in aller Munde. Komischerweise aber polarisierend. Die einen wenden sich mit Abscheu ab, andere beeilen sich, ihn zu ignorieren, und eine Minderheit ist von ansteckender Begeisterung infiziert, wie man sie in Berlin allenfalls erleben kann, wenn Hertha wieder einmal gewonnen hat.

Karneval ist eine katholische Tradition, eine augenzwinkernde, wie sie dem ernsthaften Protestantismus eher fremd ist. Karneval ist nicht tiefgründig, hat aber tiefere Gründe. Die drei tollen rheinischen Tage sind die letzten vor Beginn der sechswöchigen Fastenzeit. Diese religiös motivierte Zeit ist längst von der modisch motivierten europaweiten Frühjahrsdiät abgelöst worden. Fastenzeit bedeutete nicht nur Verzicht auf Fleisch und Süßigkeiten, sondern auch Zeit der Buße.

Katholiken erhalten am Aschermittwoch in der Heiligen Messe ein Aschenkreuz auf die Stirn, um an die Vergänglichkeit des irdischen Lebens erinnert zu werden. Bekanntlich gestaltet sich das spätere himmlische Leben umso erfreulicher, je gottgefälliger das irdische gewesen ist. Weil aber Menschen fehlbar sind - man erlebt das gerade wieder einmal auch in der Politik - können Reue, Buße und Wiedergutmachung Sündenfälle ungeschehen machen. Man redet sie sich in der Beichte von der Seele und bekommt die priesterliche Absolution.

Es gehört zu dem sympathischen Selbstbild der Rheinländer, dass vor die Buße die größeren Ausschweifungen und kleineren Sünden gesetzt werden, damit sich die Buße auch lohnt. Alle, die im Alltag nicht diese Voraussetzung schaffen konnten, können das an Karneval schnell noch nachholen.

Der zweite auffällige Grund erschließt sich, wenn man die Kostüme der vielen Garden und Stadtsoldaten betrachtet. Es sind Spielarten preußischer und französischer Militäruniformen - Armeen, von denen das Rheinland einst besetzt war. Selbst dem ersten Bundeskanzler Konrad Adenauer, der aus Köln stammte, werden heute noch Sympathien für den Separatismus der preußischen Rheinprovinz nachgesagt. Die Uniformen sind phantasievoll verfremdet: Kochlöffel am Dreispitz, Blümchen auf den Läufen der Holzgewehre, die Kanonen können nur Konfetti verschießen. Beim Drill geht die Persiflage weiter: Man hört den Kommandanten freundlich sagen, die "Jungens" mögen sich doch bitte aufstellen - und das Exerzieren endet damit, dass die "Soldaten" einander den Rücken zukehren, um in leicht vorgebeugter Haltung zur marschähnlicher Musik ihre Hinterteile aneinander zu reiben. Schöner kann man Militär und Militarismus kaum verulken und bloßstellen.

Im 19. Jahrhundert war der Karneval auch eine gute Gelegenheit, unter der Narrenkappe getarnt bürgerliche Freiheit und Individualität gegen die Obrigkeit zu demonstrieren: Nach dem Vorbild des subversiven Hofnarren, der als einziger ungestraft unangenehme Wahrheiten sagen durfte. Ich finde all diese Zutaten höchst sympathisch und "politisch korrekt", sie sind demokratisch und zivil, sie spielen mit den normalen menschlichen Schwächen und behaupten ihnen gegenüber eine gewisse augenzwinkernde, nachsichtige Großzügigkeit: "Wir sind doch alle Sünder ..."

Der rheinische Karneval ist auch ein Fest großer - allerdings unverbindlicher - menschlicher Nähe. Das ist wohl auch am ehesten vergleichbar mit der Stimmung im Stadion, wenn sich die Hertha-Fans in den Armen liegen, obwohl sie jenseits des Fußballs nichts miteinander zu tun haben.

Hier setzt auch die Kritik an. Nicht alles am Karneval ist komisch. Mir als Unbeteiligtem kommt es schon so vor, als werde das Niveau dessen, was neudeutsch "Comedy" heißt, von manchen Karnevalisten locker unterboten. Aber neben groben Geschützen gibt es auch feine Ironie und gehörigen Sprachwitz. Es kann kaum überraschen, dass die Notwendigkeit, Feste und Rosenmontagszüge zu organisieren, nebenbei zu all jenen übertriebenen Ernsthaftigkeiten, Traditionalismen und schwer erträglichen Eitelkeiten führt, zu denen Menschen in Vereinen, Organisationen, Verbänden - und Parteien - nun einmal fähig sind. Der gelegentliche Bierernst - den ich selbst in diesen Tagen erleben durfte - und auch die Unverbindlichkeit erwecken selbst bei manchen Rheinländern den Verdacht, Verlogenheit oder doch zumindest spießige Doppelmoral seien dem organisierten Karneval nicht fremd. Folglich entwickelte sichneben dem "etablierten" auch noch der "alternative" Karneval. Der Streit zwischen beiden ging mit Witz, Ironie und Respektlosigkeit über die Bühne und endete in friedlichster Koexistenz: Der alternative Karneval hat sich etabliert und der etablierte gibt sich alternativ.

Ich verstehe diejenigen, die sich vom Karnevalsbazillus nicht anstecken lassen, aber ich habe auch erfahren, dass Karneval ein gehöriges Stück rheinischer Identität und rheinischen Selbstbewusstseins darstellt, wie sie sich auch außerhalb der tollen Tage zeigen. Schon früh habe ich mir für meine Ostberliner und ostdeutschen Landsleute eine Fähigkeit und eine Lust gewünscht, die ich dem politischen Witz des rheinischen Karnevals abgeschaut habe: trübe Erfahrungen und Schwierigkeiten einfach weglachen zu können und zu wollen. Humor ist - nicht nur im Karneval - ein nützliches Ventil. So gesehen, stimmt der Sinnspruch: Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Wie könnte man das "verbieten"?

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