Kultur : Wider die Armseligkeit!

TAGESSPIEGEL: Herr von Pufendorf, macht der Kulturstaatsminister Michael Naumann dem Berliner Kultursenator Konkurrenz?

VON PUFENDORF: Wenn Sie dies in einem dominierenden Sinne meinen, nein; dafür bietet schon unser Grundgesetz nicht die erforderlichen Spielräume.Im übrigen habe ich schon im Wahlkampf die Idee, einen Kulturbeauftragten zu berufen, besonders begrüßt, weil damit die SPD endlich die Kulturpolitik wiederentdeckt hat, die durch die dann tatsächlich erfolgte Berufung eine erfreulich deutliche Aufwertung erfahren hat.Davon können wir nur profitieren.Dieser Anfangsimpuls muß aber auch richtig genutzt und darf nicht durch so manche unbedachte, vor allem durch Informationsmängel auffallende Ankündigungspolitik verschenkt werden.Was Berlin betrifft, so sehe ich den Entwicklungen sehr entspannt entgegen.Wir freuen uns sogar über die sich bereits gut anlassende Zusammenarbeit.Überdies verfügen wir hier über einen traditionsreichen Erfahrungsschatz, der für Herrn Naumann nur hilfreich sein kann.

TAGESSPIEGEL: Viele versprechen sich durch die Bundespräsenz neuen Schwung, der im Berlin der vergangenen Jahre oft vermißt wurde.

VON PUFENDORF: Konkurrenz belebt das Geschäft.Auch wir versprechen uns frischen Wind und Unterstützung in unserem Kampf gegen die Politik der haushaltspolitischen Armseligkeit, die gerade in Berlin nicht nur zahlreiche Kulturinstitutionen in existentielle Gefahrenzonen gebracht, sondern auch so manche kulturpolitische Initiative verhindert oder bis zur Unkenntlichkeit verbogen hat.

TAGESSPIEGEL: Armselig wirkte manchmal auch die ein oder andere Berliner Personalentscheidung, vor allem auch nicht getroffene.In den nächsten zwei bis drei Jahren laufen die Verträge wesentlicher Protagonisten aus.Wir denken an Thomas Langhoff, den Intendanten des Deutschen Theaters, an Ulrich Eckhardt, den Intendanten der Festspiele GmbH, an den Chef der Deutschen Oper, Götz Friedrich...

VON PUFENDORF: Vergessen Sie Claudio Abbado und Daniel Barenboim nicht.Aber ich möchte hier nicht auf Einzelfälle eingehen.Nach meiner Erfahrung und persönlichen Einschätzung schält sich mehr und mehr der Grundsatz heraus, daß bis auf singuläre Ausnahmefälle nach zehn Jahren sowohl für den jeweiligen Künstler selbst als auch für die jeweilige kulturelle Institution ein guter Zeitpunkt für einen künstlerischen Neubeginn gekommen ist.Dabei will ich überhaupt nicht in Frage stellen, daß alle hier genannten Persönlichkeiten jeweils für eine äußerst erfolgreiche Ära stehen, mit der sie das kulturelle Leben unserer Stadt bereichert und maßgeblich geprägt haben.In ihrem eigenen Interesse dürfen wir aber nicht die Augen davor verschließen, daß ohne den immer wieder gewagten Neubeginn kulturelle Fortentwicklung nicht möglich ist.

TAGESSPIEGEL: Manche der Angesprochenen signalisieren, daß Sie gerne weitermachen würden.

VON PUFENDORF: Ich bleibe bei meiner Aussage: zehn Jahre sind in der Regel genug - unabhängig von der jeweiligen Person.

TAGESSPIEGEL: In der Nachfolgefrage Götz Friedrich stehen Sie, nachdem - gegen manchen Rat - der Intendantenvertrag nochmal verlängert wurde, unter besonderem Druck.

VON PUFENDORF: Wir werden bis spätestens April 1999 einen Nachfolger präsentieren.

TAGESSPIEGEL: Nach welcher Art Intendant suchen Sie?

VON PUFENDORF: Da weit und breit kein regieführendes Intendantentalent zu sehen ist, das sowohl in die Schuhe von Götz Friedrich paßte als auch den besonderen Herausforderungen des Hauses mit Gewißheit fertig zu werden imstande wäre, gehen wir davon aus, daß es keinen Regisseur-Intendanten mehr geben wird.Das heißt: Wir suchen eine Persönlichkeit, die sich ausschließlich um die Leitung des Hauses kümmert, ohne an der Deutschen Oper oder anderswo zu inszenieren.

TAGESSPIEGEL: Wird gar an eine Generalintendanz für alle Musiktheater in Berlin gedacht?

VON PUFENDORF: Ein Blick in die Operngeschichte zeigt: Regelmäßig sind allmächtige Herrscher über mehrere Häuser mehr oder weniger gescheitert.Ständiger Streit ist vorprogrammiert.Auch müßte der künstlerische Wettbewerb unter den Häusern leiden.

TAGESSPIEGEL: Berlin hat drei Opernhäuser, an manchen Tagen sind alle geschlossen.Muß das sein?

VON PUFENDORF: Das muß nicht nur nicht sein, das darf und wird in Zukunft nicht sein.Wir werden die drei Opern verpflichten, ihre Spielpläne so abzustimmen, daß es keinen opernfreien Tag mehr gibt.Wenn ein Haus wie die Staatsoper Unter den Linden, das die zweithöchste Subventionssumme in Deutschland bezieht, jährlich nur 118 Vorstellungen im großen Haus gibt, so entspricht das nicht unseren Vorstellungen.

TAGESSPIEGEL: Man gelobt, so ist zu hören, Besserung.

VON PUFENDORF: Ja, man will in der neuen Spielzeit - man höre und staune - 124 Vorstellungen geben.Wir können erwarten, daß sich das Haus mehr und mit einem reichhaltigeren Spielplan engagiert.

TAGESSPIEGEL: Die Staatsopern-Leitung hat den ausdrücklichen Auftrag, die Berliner Festwochen aktiv zu begleiten...

VON PUFENDORF: ...und läßt das Haus in dem Hauptfestwochenmonat September fast jeden zweiten Tag geschlossen.

TAGESSPIEGEL: Ist das fehlende Engagement der Staatsoper dafür verantwortlich, daß die Kritik an den Festwochen-Programmen zunimmt?

VON PUFENDORF: Keine Frage, die Festwochen müssen sich umorientieren.Sie werden überregional kaum noch wahrgenommen.Es müssen mehr und andere internationale Akzente gesetzt werden.Außerdem ist der Bund als Gesellschafter gefragt, den Spielraum finanziell erweitern zu helfen.

TAGESSPIEGEL: Auch Claus Peymann, der neue Intendant des Berliner Ensembles, setzt auf zusätzliche Bundesmittel.

VON PUFENDORF: Aus dem Berliner Haushalt wird Peymann - wie vereinbart - 21 Millionen Mark jährlich erhalten.Die restlichen 5,5 Millionen, die er benötigt, werden wir versuchen, aus Hauptstadtmitteln zu gewinnen.Das Berliner Ensemble soll, so hat das Abgeordnetenhaus dankenswerterweise beschlossen, einer der sogenannten Leuchttürme werden, die von Bonn gefördert werden.

TAGESSPIEGEL: Anderen Häusern, zum Beispiel dem Renaissance-Theater, werden Mittel gestrichen.

VON PUFENDORF: Gerade, wenn man bedenkt, was andere Häuser leisten, ist dieses Haus auch mit den verbliebenen 4,5 Millionen noch übersubventioniert.

TAGESSPIEGEL: Was folgt daraus?

VON PUFENDORF: Daraus folgt, daß in der augenblicklichen Haushaltslage das Leistungsprinzip gelten muß.Das hat viel damit zu tun, daß vor allem zeitgenössische Autoren gespielt und gefördert sowie neue Regisseure und Schauspieler ausprobiert werden müssen, wie es auch Gutachter Peter Stoltzenberg zu Recht gefordert hat.Abgesehen davon ist die Lösung eines zentralen Problems leider von unserem Koalitionspartner vereitelt worden.Wir hatten vorgeschlagen, durch einen Sonderfonds Abfindungen für diejenigen bereitzustellen, die durch den dringend notwendigen Personalabbau ihre Stellen verlieren.Damit wären viele Häuser deutlich entlastet und Existenzgefährdungen von ihnen genommen worden.Im letzten Moment hat die SPD dieses richtungsweisende Projekt verhindert.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben