Kultur : Wider die heilige Prüderie

SIMONE MAHRENHOLZ

"Private Parts", der anzügliche US-Bestseller des Radiostars Howard Stern, als Hollywood-Film.Besonders pikant: Der Stern spielt sich selbst.VON SIMONE MAHRENHOLZAls der amerikanische Radio-Moderator Howard Stern 1993 seine Autobiographie "Private Parts" veröffentlichte, ging sie als die am schnellsten verkaufte Biographie aller Zeiten in die Annalen ein.Zwanzig Wochen hielt sie sich auf der Bestseller-Liste der "New York Times".Klar, daß Hollywood zuschlug.Das Ergebnis, nach dem Drehbuch von Len Blum und unter der Regie von Betty Thomas, spielte allein am ersten Wochenende in den USA über 14 Millionen Dollar ein und erhielt vorzügliche Kritiken. Geht man mit diesem Wissen ins Kino, ist man auf den ersten Blick überrascht von dem seltsam gewaltsamen Humor und einer allzu linearen Dramaturgie.Die Atmosphäre des Films ist seicht und überdreht, zielt unverhohlen auf eine frivole Variante des Woody-Allen-Witzes, ist aber angespannt und pubertär.Beim näheren Hinsehen offenbart sich der Film jedoch als äußerst präzises Dokument zur mentalen Lage der amerikanischen Nation.Deren Infantilität, Naivität und sexuelle Verklemmtheit wird in einer Weise von den Medien und der Politik gepflegt, die einen Europäer bei seiner Reise durch die Staaten stets aufs neue erstaunt. Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht mehr, daß im ganzen Land ein Radio-Moderator ausgestrahlt wird, dessen Smalltalk mit den signifikant häufigen Vokabeln "testicles", "vaginas" oder "breasts" täglich 18 Millionen Zuhörern kollektive Schauer über den Rücken jagt.Die Empörung der Bosse, etwa jener bei NBC, wich auffallend schnell, als die Einschaltquoten in Traumhöhen stiegen; zumal die Stern-Hasser der Show anscheinend noch länger zuhörten als die Fans: "to know what comes next". Stern informiert die Zuhörer extensiv über sein Privatleben als Ehemann und Vater.Er macht die offenbar problematische Größe seiner "private parts" ebenso zum Thema wie seine Empfindungen während der Live-Interviews mit berühmten "Playboy"-Modellen, die er, selbstverständlich nackt, über den Äther schickt.Seine Interview-Partner bekommen prinzipiell jene Fragen vorgelegt, die sie am meisten fürchten.Und Nachrichtensprecher wie Tontechniker werden grundsätzlich live in die Bekenntnis-Delirien einbezogen. Besondere Würze verleiht einiges.Erstens: Stern spielt sich selbst - und dies überragend gut.Zweitens: Er sieht aus wie George Tabori in jung, und die Ähnlichkeit ist nicht nur äußerlich.Drittens: Auch Sterns populäre Partner wie die farbige Nachrichtensprecherin Robin Quivers und der Techniker Fred Norris spielen sich selbst.Und zuletzt: Stern parodiert mit exzessiver Selbstironie vor allem seinen eigenen Geltungsdrang.Je pompöser seine Selbst-Inszenierung (etwa als Oscar-Preisträger mit Mia Farrow), desto grotesker sein Fall. Daß der Film und sein Protagonist in den USA einen solchen Erfolg erzielten, liegt an der immer wieder erstaunlichen, oft scheinheiligen Prüderie der nordamerikanischen Gesellschaft.Hierzulande wäre Sterns Gerede ein kurzlebiger Witz.Die Filmkritiker wiederum liebten an dem Film, daß das Problem der Zensur in den Medien hier eine liberale Wendung nimmt.Die wahre Geschichte des Films von dem unbegabten Radio-Moderator, der vom Vater verachtet, von den Bossen entlassen und von den Frauen abgelehnt wurde - diese klassische Aufsteiger-Story hat aber auch darum menschliches Format, weil für Howard Stern die Karriere just in dem Moment begann, als er beschloß, seine Hemmungen fallenzulassen und all das live zu sagen, was seine Erziehung ihm immer verbot.Von da an ging es bergauf.Aus dem fisteligen Whimp am Mikro wurde ein großer Verführer."Er ist der Anti-Christ", geifern seine Feinde."Er ist die Stimme des amerikanischen Unbewußten", jubelten Kritiker.Zu Recht. Stern selbst wirkt intelligent, fragil, weich, verletzlich.Genau diese Wunden sind Quelle seiner Komik, hier ähnelt er Woody Allen und Tabori.Um so enttäuschender, daß Stern sein Leben im Stil zwischen Seifen-Oper und Comic-Strip erzählt - im Stil jener Kultur, dessen übererregtes Produkt er ist.Wer als Zuschauer all diese Ambivalenzen authentisch erfahren möchte, sollte den Film in der Originalversion sehen. 11 Berliner Kinos.Originalfassung: Odeon

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