Kultur : Widerlegung des Zufalls

Das Skizzenbuch des Fotografen: Robert Lebeck zeigt Kontaktbögen in der Berliner Galerie Camera Work

Deike Diening

Natürlich sind diese Bilder großartig. Wir wissen das längst. Es sind verdichtete Momente bundesrepublikanischer Geschichte, ihrer Politiker und Helden des öffentlichen Lebens. Diese Gesichter – schwarzweiß, meist aus den Sechzigerjahren – beherrschen mühelos den Raum. Das Sensationelle an der Ausstellung aber sind die Kontaktbögen. Denn damit präsentiert die Galerie Camera Work nicht nur Ikonen der Fotogeschichte, sondern auch den Arbeitsprozess eines Fotografen, der längst selbst zum Mobiliar der Bundesrepublik gehört.

Lebeck bricht hier ein Tabu: Kaum ein Fotograf zeigt eine Übersicht des gesamten Films. Aus Sorge, dort zu viel zu verraten, die Arbeit zu entzaubern, zuzugeben, dass das gefeierte Foto nicht Ergebnis eines genialen Streichs, sondern einer arbeitsamen Annäherung war – und es zwischen den berühmt gewordenen Fotos auch eine Menge Gurken gibt. Lebeck ist uneitel genug. Wie die Vorstudien in den Skizzenbücher eines Malers oder die handschriftlichen Notizen eines Schriftstellers, gewähren die Kontakte einen erhellenden Einblick in die Arbeits- und Sehweise des Fotografen. Man kann darauf zum Beispiel sehen, wie Romy Schneider sich für Lebeck in eine Tannenschonung hockt, den Arm hebt, wie sie nicht sicher ist, lacht, und auch der Fotograf erst mal probiert. Oder wie sich Lebeck im Palais Schaumburg, als müsste er sich Mut anknipsen, erst über die Rückenansichten langsam den Gesichtern nähert. Es sind die von Churchill und Adenauer.

Denn was weiß man eigentlich über den Blick eines Fotografen, wenn man ihn nicht schweifen sieht? Woran bleibt er hängen? Was liegt zwischen den „großen“ Bildmomenten? An welchem Punkt wird aus einem Staatsbesuch ein historischer Augenblick? Hier, auf Lebecks Kontaktbögen, ist er verortet. Wenn sich die Gegenwart verdichtet, hat Lebeck sie rot angestrichen. Sie ist verklebt, verfärbt, eingekringelt, mit Auswahlpunkten versehen.

Man geht in den Bildern Lebecks unwillkürlich auf die Suche nach der vergangenen Bundesrepublik. Und findet eine andere Kultur von Öffentlichkeit, einen anderen Umgang mit Nähe in der Politik. Eine Nähe, die nicht von einem Teleobjektiv geschaffen wurde. Aus den Gesichtern der Schauspieler sprechen die vergangenen Sechzigerjahre – als Stars noch auf Feste und nicht Promis auf Partys gingen. Aber hier kann man außerdem dem umherschweifenden Blick des Fotografen folgen, und – wie er selbst zum Zeitpunkt ihrer Aufnahme – nacheinander an den verschiedenen Bildern hängen bleiben. Das bedeutet die endgültige Widerlegung des fotografischen Zufalls. Man muss nur die Kontakte lesen können. Hier ist Lebecks Suchen dokumentiert, seine Hoffnung (die dann manchmal doch verwackelt), und der Wille nach fotografischer Unabhängigkeit, sein Probieren, Umkreisen, alberne Momente. Auch ein Lebeck fotografiert in Italien auffliegende Tauben. Man kann nachvollziehen, wie er Räume aufteilt, von Körperhaltungen und Größenverhältnissen fasziniert ist. Aber vor allem spürt man die Zeit, die er Szenen lässt, sich für ihn zu einem Bild zu verdichten: Erst das elfte Bild eines italienischen Paars auf einer Vespa ist der „Flirt in Bologna“, 15 Bilder, bevor eine russische Gymnastikgruppe symbolhaft steht. Hier hat jemand nicht „draufgehalten“, in der Hoffnung auf einen Treffer, sondern jedes Bild aus einem Grund aufgenommen (Kontaktbögen je 900 Euro, Vintage Prints zwischen 2500 und 4000 Euro, Modern Prints zwischen 600 und 2000 Euro).

In der Auswahl, den Anstreichungen, und eingezeichneten Ausschnitten, kann man erkennen, was der Fotograf an seinem Material am meisten schätzt: eben nicht die spektakulärsten Posen, sondern immer wieder die intimsten Momente. Wenn die Gesichter völlig offen sind und manchmal nach innen gekehrt oder leer. Was gerade bei Personen in der Öffentlichkeit, im Bewusstsein dieser Öffentlichkeit, umso seltener anzutreffen ist. Gina Lollobrigida ist zu sehen, Jane Mansfield, die Mitglieder von Königshäusern bekannter und weniger bekannter Länder. Es sind Menschen, die wollen sich nicht exponieren – und der Fotograf nimmt sich nicht mehr, als man ihm anbietet. Deshalb haben die Leute auf seinen Bildern keine Pose, sondern eine Haltung. Wie der Fotograf.

Die Bögen hängen so niedrig, dass der Betrachter sich vor ihnen verbeugen muss, wie zum Dank. Beim Verlassen der Ausstellung schmerzt der Nacken, aber man teilt mit Lebeck den großen Moment der Entdeckung eines Bildes.

Galerie Camera Work, Kantstraße 149, bis 17. April; Dienstag bis Freitag 10–18 Uhr, Sonnabend 10–16 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar