Kultur : Widerstand als erste Künstlerpflicht

Eine seltsame "Sitzung" auf dem Konferenztisch.Versteinerte Spitzbärte: lauter Walter-Ulbricht-Büsten; manche im Lenin-Look, eine gestürzt.Die Stühle in dem kahlen, von einer Tresortür abgeriegelten Raum, bleiben leer.Gitterstäbe zieren Rückenlehnen.Eine kopflose Gespenstergestalt führt den Vorsitz.Im Mittelpunkt ein Blechnapf: "Der Spucknapf des Volkes" nannte Sieghard Pohl 1959 sein Gemälde.Der in Leipzig lebende Zeichner und Maler bezeichnete Mißstände mit beißendem Spott.Argusaugen benötigt der Ausstellungsbesucher von heute nicht, um die vorhersehbare Antwort der Stasi in den Arbeiten abzulesen.Erstmals nach Pohls Tod 1994 erinnert der Verein Berliner Künstler mit einer Werkübersicht an diesen Unbeugsamen, der nach seiner Ausbürgerung als Kunsterzieher arbeitete und weitgehend in Vergessenheit geriet.Im heterogenen Spätwerk spiegelt sich die Tragik des Bruchs in seiner Ost-West-Biographie.Der überzeugte Antimilitarist schuf dadagewitzte Schießscheibenobjekte aus Holz.Zuletzt bekennt Pohl 1988 mit dem Aquarell "Miss Liberty zündelt Manhatten" noch einmal antiautoritär Farbe.Blätter wie "Der Häftling à la Jesus begrüßt seine Peiniger" oder "Mit sich und der Angst allein" künden von der leidvollen Erfahrung seiner ersten Inhaftierung 1961.In einer Zelle entstehen 1963 Pohls beeindruckende Federzeichnungen zur griechischen Mythologie.Noch vor Christa Wolfs "Kassandra" zeigt er die Helden als brutale Schlächter.Zweimal wird Pohl verhaftet, zu vier Jahren Gefängnis verurteilt.Drei Jahre sitzt er in Waldheim ab, 1965 wird er freigekauft.Beschlagnahmt worden ist, mit anderen Werken, auch der "Spucknapf des Volkes".In der Retrospektive hängt eine spätere Zweitfassung.Das Original ist verschollen, existiert nur noch als Fotografie; das Negativ fand Pohl in seinen Stasi-Akten. (EK)

Schöneberger Ufer 57: bis zum 29.Mai.

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