• Wie Barbara Honigmann den Weg ihrer Eltern in der DDR hinter sich läßt und das Judentum ihrer Vorfahren wiederfindet

Kultur : Wie Barbara Honigmann den Weg ihrer Eltern in der DDR hinter sich läßt und das Judentum ihrer Vorfahren wiederfindet

Stephan Reinhard

Sie habe sich ihr Thema, stellt die 1949 in Ost-Berlin geborene Barbara Honigmann in ihrem jüngsten Buch "Damals, dann und danach" fest, nicht ausgesucht, sondern umgekehrt. Ihr Thema ist die Auseinandersetzung mit jüdischer Tradition. Darum ist sie vor 15 Jahren mit ihrem Mann und den beiden Söhnen aus Ost-Berlin nach Straßburg gezogen. Denn die elsässische Metropole beherbergt die nach Paris zweitgrößte jüdische Gemeinde Frankreichs. Zwischen Orangerie und Esplanade, im ehemaligen "Quartier allemand", wo die Hohenzollern nach der Eroberung Elsaß-Lothringens 1870 in Straßburg ihre Beamten angesiedelt haben, befindet sich heute das "Quartier juif", ein lebendiges Nebeneinander von Kindergärten, Schulen und Betstuben. In ihrem literarischen Debüt von 1986, dem Erzählband "Roman von einem Kinde", beschrieb sie eine Fahrradfahrt von ihrer Straßburger Wohnung in der kleinen "Rue Edel" über die große "Avenue de la Foret noire" zum Thora-Unterricht. In "Damals, dann und danach" berichtet sie vom Alltag der Gruppenmitglieder und dem elsässischen Judentum, das nie so assimiliert war wie das deutsche.

Religiöse Orthodoxie ist Barbara Honigmann freilich fremd. Sie versteht sich wie die Mehrheit der 15 000 Straßburger Juden als "zwischenorthodox", sie hält den Sabbat und ißt "koscher light", wie sie ironisch anmerkt. Für Barbara Honigmann bedeutet Hinwendung zum Judentum auch produktive Auseinandersetzung mit dem Lebensschicksal ihrer Vorfahren. Ihr Vater Dr. Georg Honigmann, dem sie 1991 die schöne Hommage "Eine Liebe aus nichts" gewidmet hat, emigrierte in den dreißger Jahren nach London. Der Pariser Korrespondent der "Vossischen Zeitung" wurde bei der Nachrichtenagentur Reuters Chef des European Service. Während des Krieges schloß er sich der Kommunistischen Partei an. In London lernte er seine spätere Frau Lizzy kennen, eine ungarische Jüdin, die auf ihre Weise gegen den Nationalsozialismus kämpfte: als Werkzeugmeisterin in einem englischen Rüstungsbetrieb. Gemeinsam kehrten sie nach Ost-Berlin zurück, wo Georg Honigmann Karriere machte: als Gründungsjournalist bei ADN und Chefredakteur der "Berliner Zeitung", schließlich - verheiratet in dritter Ehe mit Gisela May - als Direktor des Kabaretts "Die Distel". Da in der DDR das Judentum entweder heruntergespielt oder als Zionismus abgelehnt wurde, kamen Georg und Lizzy Honigmann der Aufforderung der SED nach und traten aus der Jüdischen Gemeinde aus. Barbara Honigmann schloß sich in den siebziger Jahren demonstrativ wieder der kleinen Ost-Berliner Gemeinde an. Auf dem Jüdischen Friedhof in Weissensee fand sie die Gewißheit, mit Heinrich Heine verwandt zu sein. Daß sie auch mit anderen Dichtern verwandt ist, hat Barbara Honigmann auf ihrer Spurensuche in "Damals, dann und danach" herausgefunden. Ihr Urgroßvater, der sich 1848 für die rechtliche Gleichstellung der Juden einsetzte, schrieb Romane und Novellen, verstand sich als deutscher Schriftsteller. "Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung" - in diesem Satz vereinigen sich für Barbara Honigmann zwei Bestandteile ihres Lebensthemas: Schriftstellerexistenz und Judentum. Schriftsteller sein bedeutet Vergewisserung des Vergangenen.Barbara Honigmann: Damals, dann und danach. Hanser Verlag, München 1999. 136 Seiten, 29,80 DM.

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