Kultur : Wie böse ist das Fernsehen, Herr Blumenberg?

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Herr Blumenberg, Sie drehen unentwegt Filme fürs Fernsehen. Ihr neuer Kinofilm „Planet der Kannibalen“ ist eine FernsehSatire. Wollen Sie sich rächen?

Seit vielen Jahren verfolge ich fasziniert die Karriere von Medienmogulen wie Murdoch, Leo Kirch selig oder Berlusconi. Diese Männer verkörpern eine Konzentration von Macht, die weit größer ist als die der Politiker. Der Film ist fast zwei Jahre alt, aber angesichts der Italien-Affäre hat er eine makabre Aktualität: Die öffentliche Meinung in Berlusconis Italien ist ungefähr so vielfältig wie in der DDR der Achtzigerjahre. Diese Medienraubritter, die ihre Imperien zusammenraffen, sind doch aufregende Figuren!

In „Planet der Kannibalen“ liefern sich solche Raubritter einen Quotenkrieg. Die Schlacht wird über brutale Game-Shows ausgetragen. Ist es nicht ein bisschen simpel, sich über „Wer wird Millionär“ zu belustigen?

Solche Shows sind die eigentliche Bestimmung des Fernsehens. Solche Formen sind ja schon ausprobiert worden: Ein Show-Gast bekommt Geld, wenn er den Schmutz von der Rolltreppe leckt. RTL II hat das gesendet. Als ich das Drehbuch schrieb – was schon eine Weile her ist – hätte ich übrigens nie gedacht, dass sich solche Shows wie die von Günther Jauch so lange halten würden.

Wie erleben Sie den Quotendruck, wenn Sie für’s Fernsehen arbeiten?

Ein Palü-„Tatort“ ist etwas anderes als ein Dokudrama. Wenn ein „Tatort“ unter der Quoten-Erwartung von 20 bis 23 Prozent bleibt, löst das Unzufriedenheit aus – wobei mir das zum Glück nie passiert ist. Zwar haben schlechte Zuschauerzahlen mit dem Film selbst oft nichts zu tun, sondern damit, dass bei den Privaten gerade „Indiana Jones“ lief. Trotzdem wird heftig diskutiert: Ist der Kommissar zu alt, die Kommissarin zu spröde? Passierte der Mord schnell genug?

Haben Sie nie eine Absage wegen mangelnder Erfolgsaussichten erhalten?

Doch, für einen Film über den ersten deutschen Tennis-Star Gottfried von Cramm hatte ich fast schon grünes Licht. Eine tolle Geschichte: ein Homosexueller im Dritten Reich, der eine Scheinehe mit Barbara Hutton einging und Geliebter des Königs von Schweden war. Aber ich erhielt eine Absage, weil die „Bubi-Scholz-Story“ im Fernsehen gerade gefloppt war. Die ARD-Redakteurin sagte: Filme über tote Sportler gehen nicht.

Und wie ist das bei den Dokudramen?

Bei meinem 17. Juni-Film „Der Aufstand“ haben mich die niedrigen Zuschauerzahlen schon betrübt. Es gab ja drei Filme über den 17. Juni im Abstand von zwei Wochen, meiner war der letzte. Der erste hatte 15 Prozent Zuschaueranteil, der zweite 11, meiner 10. Offenbar ein Überangebot: Wer immer als erster gesendet hätte, hätte die höchste Quote gehabt. Andererseits sind 10 Prozent immer noch drei Millionen Zuschauer! Und das Medienecho war sehr freundlich, das spielt in den Chefetagen durchaus eine Rolle.

Also wenigstens ein kultureller Erfolg?

Im 68er-Jargon hieß das Legitimationsprofit.

Spielt der „Planet der Kannibalen“ in der Zukunft, weil sich Ihre Filme sonst mit zeitgeschichtlichen oder filmhistorischen Themen wie der UFA oder Hans Albers befassen, also mit der Vergangenheit? Science Fiction als Ausgleichssport zur Arbeit in der Sende-Anstalt?

Ich brauche kein Ventil, denn ich bin kein Funktionär des Systems. Ich werde für Projekte angeheuert, die meine Lust am detektivischen, journalistischen Arbeiten befriedigen. Es ist doch toll, herauszufinden, warum etwas genau so geschehen ist und wie die Weltgeschichte mit menschlichen Schicksalen verknüpft ist. Vielleicht haben sich diese zwei Politbüro-Mitglieder ja deshalb bekämpft, weil sie ein paar Jahre vorher mal dieselbe Frau hatten! Aber es macht auch Spaß, nach einem Dokudrama, bei dem jeder einzelne Satz historisch belegt sein muss, eine fantastische Welt zu erfinden.

Für 2020 brauchen Sie nicht zu recherchieren.

Ich habe durchaus recherchiert, ob nicht tatsächlich Aliens in den Chefetagen der Medienkonzerne sitzen (lacht) . Ich wollte schon immer einen Science-Fiction-Film drehen. Schon als Halbwüchsiger war ich gefesselt von den den negativen Utopien à la „Schöne neue Welt“. Da es aber nicht meinem Temperament entspricht, düstere pathetische Filme zu drehen, ist es eine Utopie mit Witz und Ironie geworden. Bei der Uraufführung auf den Hofer Filmtagen 2001 hat allerdings keiner gelacht. Nun hat die Zeit für den Film gearbeitet. „Planet der Kannibalen“ ist ja eine Rezessionskomödie: Inzwischen wissen wir, dass es sich beim Zusammenbruch des Neuen Marktes nicht um eine vorübergehende Erscheinung handelte. Jetzt trifft der Film auf ein Publikum, das ihn besser versteht als 2001. Jetzt wird endlich gelacht.

2020 ist Rauchen komplett verboten.

Als aktives Mitglied einer verfolgten Minderheit musste ich das tun. Wir Raucher subventionieren halb Deutschland, von den Spürpanzern der Bundeswehr bis zu Berlins Opernhäusern, werden dafür aber entschieden zu wenig geliebt. 30 Prozent der Bevölkerung!

„Planet der Kannibalen“ hat nicht viele Subventionen abbekommen. Es handelt sich um eine Low-Budget-Produktion mit einem Budget von 800 000 Euro, den Sie nun im Eigen-Verleih herausbringen.

So billig zu produzieren, war nur möglich, weil alle Schauspieler von Barbara Auer bis Vadim Glowna auf volle Gagen verzichtet haben. Und bei Godards „Alphaville“, der ja auch in SchwarzWeiß gedreht ist, kann man sehen, dass man keine albernen hautengen Plastik- Kostüme für Science Fiction braucht. Godard behauptet eine Zukunftswelt, und sie sieht aus wie das Paris der Sechzigerjahre. Ich habe mich an die späten Vierzigerjahre gehalten, damals gab es ja auch Armut. Die Mode der Zukunft ist die Mode der Vergangenheit. Da es zu schwierig war, einen Verleiher für einen so kleinen, nichtkommerziellen Film zu finden, haben Patrick Brandt, mein Partner bei der Produktionsfirma Rotwang Film, und ich beschlossen, ihn selbst herauszubringen.

Sie haben vor 20 Jahren den Kritikerstuhl gegen den Regiestuhl ausgetauscht. Inzwischen sagen Sie, Ihr Projekt, intelligente Unterhaltungsfilme zu drehen, sei gescheitert.

Als ich „Tausend Augen“ drehte, waren meine Fähigkeiten diesem Vorhaben schlicht nicht gewachsen. Meinen ersten Kinofilm konnte ich deshalb so leicht finanzieren, weil alle den großen Kritiker Blumenberg scheitern sehen wollten. Die Kritiken waren grausam: ein Schlachtfest meiner Ex-Kollegen – ich war sehr beleidigt (lacht). Aber die Besucherzahlen waren in Ordnung. Mein dritter kommerzieller Versuch, „Der Madonna-Mann“ mit Marius Müller Westernhagen, war dagegen ein einziger Flop.

Ihre jetzige Arbeitsteilung hat sich bewährt: Tatorte zur Unterhaltung, dazu Qualitätsfernsehen wie „Der Aufstand“. Und nach der Treuhand-Farce „Rotwang muss weg“ und dem Rolf-Schünzel-Film „Beim nächsten Kuss knall ich ihn nieder“ nun zum dritten Mal eine kleine billige Guerilla-Aktion von Rotwang.

Warum soll ich mich nicht ab und zu mit meinen alten Freunden für einen Film zusammentun, solange die kriminelle Energie noch da ist! Bestimmte Themen sind als Dokudramen ohnehin nicht möglich. Die Treuhand-Geschichte zum Beispiel lässt sich kaum vom abstrakten Sujet in eine konkrete Story verwandeln. Anderes Beispiel: Für eine Dokumentation über Helmut Kohl hatte ich vier Monate recherchiert. Ich führte zwei intensive Vorgespräche mit ihm, auch in Anwesenheit seiner Frau in jenem wegen Hannelore Kohls Krankheit abgedunkelten Bungalow in Oggersheim. Ich war von beiden sehr beeindruckt. Aber dann nahm Hannelore Kohl sich das Leben, und die Prozesse um die Parteispenden laufen immer noch. Es ist zu früh für einen Kohl-Film. In zehn Jahren lässt er sich vielleicht realisieren.

Das Gespräch führte Christiane Peitz.

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