• Wie der Berliner Barbetreiber Heinrich Dubel mit dem Hubschrauber sein neues Erkenntnissystem entdeckte

Kultur : Wie der Berliner Barbetreiber Heinrich Dubel mit dem Hubschrauber sein neues Erkenntnissystem entdeckte

Nils Michaelis

Haben Sie schon mal über Hubschrauber nachgedacht? Dann kamen Ihnen vielleicht jene in den Sinn, die Autobahnen nach Staus absuchen oder im Dienst der Gebirgswacht unterwegs sind. Vielleicht aber empfinden Sie das martialische Rotorengeräusch als bedrohlich, dann dachten Sie eher an die Tötungsapparate, zu denen Hubschrauber während des Vietnamkrieges hochgerüstet wurden. Helikopter sind gleichermaßen präsenter Zeitzeuge und technisch vielseitige Maschine. Mit ihrer Fähigkeit zu punktgenauen Starts und Landungen und frei lenkbaren Flugbewegungen kommen sie faszinierend nah an die alte Vision eines vogelgleichen Fluggerätes. Für den Berliner Barbetreiber und Schriftsteller Heinrich Dubel sind Hubschrauber mehr, sie verkörpern ein neues Erkenntnissystem: Die "Helikopter Hysterie". Bei einem USA-Besuch fielen Dubel 1987 zwei bebilderte Zeitungsberichte zu Hubschrauberunfällen in die Hände: "Die Fotos schnitt ich aus, trug sie in der Jackentasche bei mir, zog sie von Zeit zu Zeit hervor, um sie zu betrachten. Zweifellos ein sonderbares Verhalten, wie ich wohl erkannte." Es folgte die Sammelleidenschaft. Dubel schnitt aus, fotografierte, sichtete alles, womit sich irgendeine Beziehung zum obskuren Objekt der Begierde herstellen ließ. Mit dem sich rasch vergrößernden Archiv entstand die Möglichkeit, einen eigenwilligen Forschungsansatz zu verfolgen, die "wissenschaftliche Erratik", eine Methode des Verbindens eigentlich unverbundener Dinge. Im ersten Teil seines Buches "Helikopter Hysterie" betreibt Dubel zunächst noch nüchterne Helikopter-Historie. Beginnend mit Leonardo da Vincis frühen Flugschrauben-Skizzen, von Igor Sikorskys erstem Prototyp bis zu den Möglichkeiten des Kleinst- und Individualhubschraubers. Eine von Misserfolgen überschattete Technikgeschichte, die bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts eher von den Ideen verschrobener Außenseiter handelte, als von hinreichenden Kenntnissen der Naturgesetze.

Dubels message wird klar: Wer außerhalb der Realität steht, kann diese irgendwann vor neue Ausgangslagen stellen. Da dieses Privileg vor allem von Fantasten oder handfesten Paranoikern geteilt wird, ist denen der zweite Teil des Buches gewidmet. Dubel, ehemaliger Student der Physik und Philosophie, verbindet C. G. Jungs Theorie der Archetypen mit der Hinterfragung des mechanistischen Weltbildes. Von den Flugdrachenbildern der griechischen Mythologie führt ein direkter Weg zu feuerspeienden Cobra-Kampfhubschraubern. Ufo-ähnliche "schwarze Helikopter", die rechtsradikale US-Sekten gesichtet haben wollen, werden später als Motiv von der TV-Fernsehserie "Airwolf" aufgegriffen. Ob in Metaphysik, Wissenschafts- und Militärgeschichte, ob in Musikvideos, Werbung oder Kinofilmen: Im Haushalt medialer Mythen strebt irgendwie alles auf den Hubschrauber zu.

Das "Sniper", Dubels in Berlin-Mitte gelegene Bar, ist eine Mischung aus Geräteschuppen, Kolonialwarenladen und Video-Vorführraum. Auf die Frage, inwiefern der verschwörungstheoretische Unterton seiner Texte Untersuchungsmethode sei, antwortet Dubel: "Heutzutage weiß man nicht wirklich, was vor sich geht, aber man hat zunächst eine vage Theorie. Je stärker man etwas vermutet, desto mehr wird in diese Richtung geforscht. Der Zustand der Paranoia wird erreicht, wenn plötzlich alles, was man wahrnimmt, zueinander passt." So reizvoll die Idee einer wider den Methodenzwang frei vagabundierenden Erkenntnistheorie ist, so sehr besteht dabei die Gefahr, in die Falle eigenbrötlerischer Abgeschiedenheit zu tappen. Langwierige Empirie wird als behindernd betrachtet, nicht selten haftet Dubels hobbyakademischen Formulierungen das selbstgeschnitzte Etwas an. Trotzdem: Als das Philosophen-Duo Deleuze / Guattari 1977 in seinem Buch "Rhizom" den Lesern riet "seid der rosarote Panther", hatten sie eine außeruniversitäre Patchwork-Wissenschaft im Sinn, die auf "Authentizität" wenig, auf frei wählbare Konstruktionen viel gab. Ein Programm, das mit "Rhizom" lediglich an-, aber nicht ausformuliert wurde. Der Job blieb zu erledigen. Dubel just did it.Heinrich Dubel: Helikopter Hysterie. Maas-Verlag, Berlin 1999. 200 S. , 28 DM.

0 Kommentare

Neuester Kommentar