Kultur : Wie der Horror sich entwickelt: „One Hour Photo“ mit Robin Williams

Christiane Peitz

Fotos, sagt Robin Williams, halten die Zeit an, vorzugsweise Augenblicke des Glücks. Bestünde unser Leben aus dem, was wir in Fotoalben aufbewahren, wäre es ein einziges Fest, unterbrochen nur von dem ein oder anderen Urlaub. Robin Williams alias Sy Parrish weiß, wovon er spricht. Seit Jahren entwickelt er Fotos in einer Shopping-Mall und nimmt, über die heimlich kopierten Bilder seiner Stammkundschaft, ersatzweise an deren Leben teil. Robin Williams spielt diesen einsamen Phantasten in Mark Romaneks Film Film „One Hour Photo“ als graue, unscheinbare, ein wenig peinliche Figur, die der Regisseur mit ausgeklügelter Farbdramaturgie in klinisch steriles Licht taucht. Die Parallelwelt der Familienfotos, mit denen Sy seine Wohnzimmerwand tapeziert, erscheint dafür umso bunter.

„One Hour Photo“ oder Der Schnappschuss als Wirklichkeitselixier: Vor allem die Yorkins – Vater, Mutter, Sohn – haben es Sy Parrish angetan. Die heile Kleinfamilie, aber besonders die attraktive Nina Yorkin (Connie Nielsen) werden zur Obsession des scheuen Angestellten, der sich wie ein suchtkranker Beschaffungskrimineller schuldig macht und prompt entlassen wird. Als sich das Glück der Yorkins obendrein als Lüge entlarvt, verlässt Sy seinen Zuschauerposten und greift klammheimlich ein. Mit linkischer Entschlossenheit mausert er sich vom Voyeur zum Regisseur der Realität. Lieber manipuliert er das Leben, als seine Illusionen zerstört zu sehen.

Wie sein Held weiß auch der amerikanische Regisseur Romanek, wovon er erzählt. Als Fotograf wie als Werbefilmer – er drehte Videoclips für Madonna und Michael Jackson und gilt als Pionier dieses Genres – kennt er sich mit den Glücksversprechen der Warenwelt ziemlich gut aus. Mit „One Hour Photo“ hat er einen klugen, präzisen Film gedreht, der seine eigene Profession kritisch unter die Lupe nimmt. Allerdings erschöpft sich Romaneks Versuchsanordnung in den selbstgestellten Laborbedingungen. Operation gelungen, Patient tot; ein Leben diesseits der Drehbuch-Konstruktion führen die Protagonisten nämlich nicht. Doch auch, was nahe gelegen hätte, die Radikalisierung hin zur grotesken Künstlichkeit ist ihnen nicht vergönnt. Anders als sein Komiker-Kollege Jim Carrey in der „Truman-Show“ darf Robin Williams die amerikanischen Konventionen nicht zur Charaktermaske stilisieren, sondern sich nur – ganz konventionell – als Retter des american way of life erweisen. Schließlich ist beides allzu rigide: der Moralfeldzug von Sy Parrish ebenso wie die perfektionistische Komposition der Filmbilder.

In Berlin: Blow Up, Cinemaxx Potsdamer Platz, Cinestar Sony Center, Cubix Alex, Kulturbrauerei, Zollberg, Zoo Palast

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