Kultur : Wie der Vollmond am hellen Tag

Der Maler Hans Weigand gibt in der Galerie Ascan Crone ein furioses Berlin-Debüt

Ulrich Clewing

James Bond und Jerry Cotton haben einige Gemeinsamkeiten, aber es gibt auch vieles, das sie trennt. Da ist die Stadt, von der aus sie operieren: Bond lebt in London, Cotton in New York. Da ist der Arbeitgeber: Bond ist Angehöriger des Geheimdienstes seiner Majestät, Cotton beim FBI. Da ist das Auto, das sie fahren: Bond bevorzugt Aston Martin und BMW, Cotton lenkt seit jeher Jaguar.

Und dann ist da natürlich die Arbeit: Cotton hat sehr viel mehr davon als Bond. Während letzterer nur alle paar Jahre einen (dann aber sehr großen) Auftrag erhält, muss Cotton im Monatsrhythmus ran, wobei er es meistens mit Leuten zu tun bekommt, die sein britischer Kollege nicht einmal ignorieren würde: Die „Tochter des Henkers“ zum Beispiel oder jener Mister High, mit dem ein „Todesspiel“ gespielt wird. Der größte Unterschied zwischen beiden Superagenten aber ist der: Bond ist eine Erfindung der anglo-amerikanischen Weltkultur, die Abenteuer Jerry Cottons dagegen werden an den Schreibtischen von namenlosen deutschen Trash-Schriftstellern erdacht und auf dünnes Papier von Groschenromanen gedruckt, was der Jerry-Cotton-Homepage zufolge seit 1956 schon 2500 mal der Fall war.

Ergrauter Glücksritter

Cotton als Bond für Arme, generell Populär-Kultur am Rand der nach unten offenen Anspruchsskala, das ist eine Ausgangslage so ganz nach Hans Weigands Geschmack. Und deshalb hat der 1954 in Hall in Tirol geborene, in Wien lebende Fotograf, Maler und Installationskünstler der Figur Jerry Cotton vor zwei Jahren einen umfangreichen Werkkomplex gewidmet, der unter anderen in der Wiener Sezession und im Museum Ludwig in Köln zu sehen war. Nun aber hat sich Weigand, der inzwischen an den Schläfen dezent ergraute Glücksritter der Wiener Kunstgemeinde, mit einem Thema beschäftigt, das eindeutig der Hochkultur zuzurechnen ist.

„Vor und nach dem Jüngsten Gericht“ lautet der Titel der großformatigen dreiteiligen Collage aus Fotografien, Comicbildern und Malerei, welche die Galerie Ascan Crone gegenwärtig ausstellt (34 000 Euro). Auch die Form des Triptychons mit leicht angewinkelten Seitenflügeln erinnert an ein traditionelles Altarbild, doch die Wahrscheinlichkeit, dass diese Arbeit jemals in einer Kirche hängen wird, ist relativ gering. Wüste Begebenheiten spielen sich da ab, aber nicht nur das: Neben dem Papst sind Vertreter aller anderen Weltreligionen präsent, Comic-Helden und Fantasy-Monster bevölkern die Szene, Wolkenkratzer symbolisieren das irdische Babylon und etliches mehr.

Darüber hinaus gehört zu dem Bild eine CD-Rom, die es ermöglicht, virtuell in einer Abbildung von Hieronymus Boschs Wiener „Weltgerichts-Triptychon“ herumzufahren, wobei an bestimmten Details verschiedene kurze Filmsequenzen aktiviert werden können. Dort sieht man Ausschnitte aus „Caligula“, einem Marilyn-Manson-Video oder Robert de Niro, der in der Schlussszene von „Casino“ einem Bombenattentat zum Opfer fällt. Das alles klingt so, als würden hier billige, abgedroschene Analogien zwischen Kunstgeschichte und Populär-Kultur bemüht. Und natürlich droht stets und so auch in diesem Fall die Gefahr, dass der Allesverwerter Pop die Dinge in die völlige Beliebigkeit hineinzieht. Doch ist bei Weigand das genaue Gegenteil der Fall. Mit seinem „Jüngsten Gericht" gelingt ihm etwas wirklich Bemerkenswertes: Er hat die Bilderwelten aus unterschiedlichen Zeiten stimmig miteinander verknüpft, in dieser Verbindung das Kongeniale entdeckt, und beidem – dem Historischen wie dem Zeitgenössischen – neue, ungeahnte Energien verliehen. Wer denkt, er sei heute in Sachen Illustration von Chaos doch schon recht abgebrüht, dem tritt Weigand entgegen und zeigt, dass das Chaos in der Kunst immer wieder atemberaubend authentisch dargestellt werden kann.

Der letzte Romantiker

Die Ausstellung bei Ascan Crone ist die erste Einzelausstellung von Hans Weigand in Berlin und dafür muss man Andreas Osarek, der die Galerie seit fünf Jahren leitet, eigentlich unverhohlen dankbar sein. Denn sie macht das Berliner Publikum mit einem Künstler bekannt, der woanders längst seinen Namen hat und das nicht allein, weil er gemeinsam mit Raymond Pettibon in einer Rockband spielt. Vor einigen Jahren fertigte Weigand eine Bilderserie, in der er dem Phänomen der Satellitenschüssel nachspürte. An sich eine banale Angelegenheit, mochte man meinen. Das zentrale Bild dieser Serie belehrte einen jedoch eines Besseren. Auf den ersten Blick war das Motiv darauf gar nicht zu erkennen. Dann aber, nach längerer Betrachtung, wurde man seiner gewahr: Zwischen hoch aufschießenden Häusern, weit über der Straßenschlucht hing die weiße Schüssel, entrückt und jedem unbotmäßigen Zugriff entzogen wie ein Vollmond am hellichten Tag. In seiner Wahlheimat Wien gilt Weigand als ziemlicher Hallodri. In Wahrheit aber ist er womöglich einer der letzten lebenden Romantiker.

Galerie Ascan Crone/Andreas Osarek, Kochstraße 60, Dienstag bis Sonnabend 11-18 Uhr, bis zum 30. August.

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